Die Inkonsistenz von Erinnerung

Gegenwärtig feile ich unter anderem an einer Fanfiction im Captain-America-Fandom, die gepostet sein will, bevor mir „Age of Ultron“ einen Strich durch die Gedanken macht.

Die andere Feilerei findet für’s Bundesamt für magische Wesen statt.

Jedenfalls erweitert Fanfic manchmal den Horizont: Ich höre mich gerade durch eine Liste von „awesome russian metal“, der (ohne Betrachtung der Texte) wirklich Spaß macht. Grund ist meine Hauptfigur des „Winter Soldier“, der im zweiten Captain America-Film unter von Elektroschocks verursachter Amnesie leidet.

Mehr erzähl ich jetzt nicht, falls irgendwer keine Ahnung vom Marvel Filmuniversum hat, das aber irgendwann ändern möchte. Ich mag die Captain America-Filme, weil Steve Rogers teilweise eine Punk-Attitüde an den Tag legt, die eins dem Genre allgemein und der Figur im Besonderen nicht zutraut. Und das Fandom hat was, sogar Analysen, warum Steve Rogers kein Übermensch im Nietzschen Sinne ist.

Aber zurück zum Winter Soldier. Die Fanfic-Schreiberei hatte außerdem ein bisschen Nabelbeguckung zur Folge, denn: Wer unfreiwillig den größten Teil des eigenen Lebens vergessen hat, sich nun aber in Fetzen erinnert, hat kein Narrativ, um alles zu einer Lebensgeschichte zusammenzuknüpfen. Eins schaut zurück und erkennt die Person nicht wieder, die eins damals war.

Wobei, wenn ich so zurückschaue, frage ich mich manchmal, wie viele meiner Erinnerungen modifiziert sind, um ins Narrativ zu passen. Manchmal verstehe ich mein 16 Jahre altes Ich nicht, und mein 33 Jahre altes Ich befindet sich so weit außerhalb der Komfortzone meines 18 Jahre alten Ichs, dass dieses sich bei einer exakten Zukunftsvorhersage wohl an den Kopf getippt hätte, obwohl die Basis-Charaktereigenschaften dieselben sind.

So viel also zu zuverlässigen Erzähler*innen …

Gelesen: 5 + 1 Buch(serien) 2014

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3b/SteacieLibrary.jpg

Bei Geteiltes Blut gab es ein Fazit über Lieblingsbücher 2014. Das ist eine gute Idee, die ich aufgegriffen hätte, wenn ich mir gemerkt hätte, welches Buch ich wann gelesen habe. Bei den Downloads wäre es noch nachzuvollziehen, aber manche gedruckten Werke lagen kurzzeitig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weshalb ich keine Ahnung mehr habe, in welchen Monat ein Text fällt.

Außerdem von Nachteil: Nicht in jedem Monat stieß ich auf ein potentielles Lieblingsbuch, dafür war beispielsweise der Juni extrem ergiebig.

Um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, habe ich mir aus der Welt der Fanfiction das „5 plus 1“ Konzept geliehen. Dabei handelt es sich in der Regel um nicht all zu lange Texte, die beispielsweise folgendes behandeln: Fünfmal, als Person X die Person Y gerettet hat, und einmal, als Y X rettete. Fünfmal, dass Z einen Heiratsantrag machte, und einmal, als Z einen Antrag bekam. Etc. pp.

Bei Büchern wäre das in meinem Falle: Fünf erzählende Texte und ein Sachtext, die ich zum Niederknien gut finde. Wie gehabt, betrachte ich die Texte aus zwei Winkeln: Erstens queer/feministisch, und zweitens als Fantasyautorin.

1

Richard Morgan: A Land Fit For Heroes – Trilogie, bestehend aus: „The Steel Remains„, „The Cold Commands„, „The Dark Defiles

Auf Deutsch: „Glühender Stahl„, „Das kalte Schwert„, dritter Band noch nicht übersetzt.

Über die ersten beiden Bände dieser Buchserie habe ich mich anderswo bereits enthusiastisch ausgelassen. Die drei reichlich desillusionierten Held*innen, die es mit einer übernatürlichen Bedrohung aufnehmen müssen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Genau aus diesem Grunde ist Teil Drei mit Vorsicht zu genießen. Wer sich in der Vorstellung eines Happy Ends ergehen möchte, mache nach Band 2 Schluss.

Für Feminist*innen: Leichte Männerübermacht, dafür angenehm nicht-eurozentrischer Weltenbau. Gute Beobachtungen, was Macht(dynamiken) angeht, und explizit queere Figuren.

Für Autor*innen: Morgan mag Rückblenden. Die funktionieren zu etwa fünfzig Prozent, aus den anderen fünfzig Prozent kann eins lernen, wie eins es nicht machen sollte und wann es zu viel ist. Was vor allem in den ersten beiden Bänden einen Tipp an den Hut verdient: Wie Morgan die Hintergrundinfos häppchenweise verteilt.

2

N. K. Jemisin: The Dreamblood Duology, bestehend aus „The Killing Moon“, „The Shadowed Sun“

Auf Deutsch: Nicht erhältlich.

In Gujaareh stammt alle Magie aus Träumen. Mächtigster Traumsaft ist das Traumblut (daher der Titel der Duologie). Meistens stammt das Traumblut von Spendern, die friedvoll ins Jenseits finden wollen, aber manchmal, wenn der Frieden in Gefahr ist, werden die Sammler ausgeschickt, um die Bedrohung zu eliminieren. Bei einer solchen Mission kommt der Sammler Ehiru einer Verschwörung auf die Schliche, an der auch jemand im Palast beteiligt scheint …

Für Feminist*innen: Ein Weltenbau, der ohne die Konzepte Hetero- und Homosexualität auskommt, daher ist ein junger Mann, der Männer bevorzugt, nur vorsichtig als queer einzustufen. Im zweiten Teil schafft es die weibliche Hauptfigur, stark zu sein, ohne dabei klassiche Männlichkeitsideale zu bestätigen.

Für Autor*innen: Ein Setting, das sich am alten Ägypten orientiert und ein Magiekonzept trifft, das auf C. G. Jungs kollektivem Unterbewussten basiert: Schauen Sie einer Meisterin des Weltenbaus bei der Arbeit zu.

3

G. Willow Wilson: Alif the Unseen

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Dem Hacker Alif ist die Obrigkeit des Emirats auf der Spur, und seine Liebste Intisar hat ihn zugunsten einer politisch opportunen Verlobung abserviert. Als Intisar Alif ein geheimnisvolles Buch zuspielt, ist der Geheimdienst auch offline hinter Alif her. Alif und eine Bekannte, die unfreiwillig in die Geschehnisse verwickelt wird, müssen herausfinden, was es mit den „Geschichten aus Tausend und einem Tag“ auf sich hat …

Für Feminist*innen: Fast jede wichtige männliche Rolle hat ein weibliches Gegenstück, wobei eine weibliche Figur nur als „die Konvertitin“ bezeichnet wird. Dank des Settings in einem namenlos bleibenden Emirat sehr unqueer – die männlichen Figuren beschimpfen sich gegenseitig bevorzugt als schwul. Interessante Einsichten ins moderne Arabien von einer Autorin, die dort gelebt hat.

Für Autor*innen: Eine Fantasygeschichte, die einen einzigen personalen Erzähler hat und damit auskommt, obwohl der Plot an Komplexität nichts vermissen lässt. Außerdem der Beweis, dass arabische Djinn und Elektronik sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

4

Carolin Emcke: Wie wir begehren

Autobiographische Notizen einer Reporterin, die Frauen liebt. Ausgehend von Schuldgefühlen über den Freitod eines vermutlich schwulen Bekannten aus ihrer Jugendzeit zeichnet sie ihren Weg von ihrer Kinderzeit über ihr Outing bis heute nach.

Für Feminist*innen: Emckes Begehren entzieht sich jedem Versuch, fremddefiniert zu werden, und befindet sich außerhalb bekannter Schubladen. Anekdotisch beweist sie, wie heteronormativ unsere Gesellschaft ist, und wie hilflos viele Leute reagieren, wenn sie auf Menschen außerhalb sauberer Kategorien treffen. Ein Text, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er an manchen Stellen noch ein bisschen tiefer gräbt.

Für Autor*innen: „Wie wir begehren“ beweist, wie wichtig es ist, genau zu beobachten.

5

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Auf deutsch: „Americanah“

Ifemelu und Obinze treffen sich im Lagos der Neunziger, und führen eine beinahe perfekte Beziehung, bis Ifemelu ein Stipendium für eine amerikanische Universität erhält und ihren Liebsten in Nigeria zurücklassen muss …

Für Feminist*innen: Wertvolle Einsichten in die amerikanische Seele und westlichen Rassismus von einer nicht-amerikanischen Autorin.

Für Autor*innen: Schauen Sie einer Meisterin der Rückblende bei der Arbeit zu. Außerdem ist Adichie eine gestochen scharfe Beobachterin, die ehrlich ist, ohne viel zu urteilen. (Nicht zu urteilen ist ein Ding der Unmöglichkeit.)

+ 1

Hanne Blank: Straight

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Eine Untersuchung, wie das Konzept „Heterosexualität“ in die Welt kam, und was es anrichtete. Der Beweis, dass die häufig unumstößlich wirkende Einteilung der Menschheit in zwei anscheinend klare Kategorien gar nicht so alt ist, und wie viel Macht über unser Denken Konstrukte wie die sexuelle Orientierung entwickeln.

Zwischen den Stühlen

gay-pride-old-council-hall

Vom Gaybook-Flamewar

Vor einigen Wochen wurde mir durch eine Diskussion über Gay Romance auf Facebook in Erinnerung gerufen, dass ich zwischen den Stühlen sitze. An der Diskussion selbst, die von einem anderen Ort in die von mit frequentierte Gruppe geschwappt war, habe ich mich selbst nicht beteiligt – das Thema ist zu komplex für die kurzen Texte, die beim Fratzenbuch als Antworten noch lesbar sind (und gelesen werden?).

Die Argumente hingegen haben mich absolut nicht überrascht, aber am Ende hat es eine Weile gebraucht, aus meinen Gedanken dazu einen Text zu machen, der auch les- und nachvollziehbar ist. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen oder mich unbeliebt zu machen …

Grob verhandelte die Diskussion, die mich nachdenklich machte, ob frau* Gay-Literatur schreiben darf oder nicht. Die Frage, so gestellt, ist natürlich Blödsinn, genauso wie die Frage, ob allosexuelle (1) Menschen über Asexuelle schreiben dürfen.

Zur weiteren Referenzierung hier zwei Links, einmal Fiammetta auf Deutsch über die Bedeutung queerer Literatur für queeres Volk und einmal Anagnori auf Englisch über Asexualität in der Fiktion.

Logischerweise geht es hier auch nicht um Recht und Gesetz, sondern um moralische Gesichtspunkte.

Grundsätzlich ist es jedoch kritisch, über Frauen*, Schwule, Allo- oder Asexuelle als homogene Gruppen zu sprechen.

 

Es kann niemals darum gehen, ob Frauen* über Schwule schreiben dürfen.

Aber die Frage stellt sich nach dem Umgangston, den Motiven, und der, meiner unbescheidenen Meinung nach, bestehenden Verantwortung von Schriftsteller*innen, keinen gesundheitsschädlichen Bockmist zu verzapfen.

Letzteres sollte selbsterklärend sein. Wer jetzt Schwierigkeiten hat, möge sich bitte über STIs und die Verträglichkeit von Kondomen mit Paraffinölen etc. informieren.

 

Aber warum schreiben Frauen* über Schwule?

Als asexuelle Person sitze ich gelegentlich auf der falschen Seite von fragwürdigen Gründen, Geschichten zu schreiben. Diverse Personen vor allem im englischsprachigen Netz betrachten Asexualität nämlich als eine verschärfte Form von Jungfräulichkeit, oder des „kink:virginity“, und schreiben dann Fanfiction darüber, wie beispielsweise Sherlock endlich „auftaut“ und auf einmal Spaß an Sex hat.

Damit dient eine einzelne Eigenschaft einer Figur dazu, Porno zu schreiben. Und dann auch noch respektlosen Porno, der beweist, dass di*erjenige Autor*in von der fetischierten Eigenschaft keine Ahnung hat. Oder, schlimmer, eine Ahnung hat, aber es di*em Schreiberling scheißegal ist, was si*er da tut.

In diesem Fall vermittelt di*er Schreibende den Eindruck, dass Asexuelle „geheilt“ werden können, und zwar durch die magischen Kräfte der Geschlechtsteile di*er Partner*in.

Das ist grober Blödsinn. Entweder, eins stößt im realen Leben auf eine der eher raren Personen, die asexuell sind, aber Sex nicht abgeneigt. Oder die Person ist indifferent bis abgeneigt, was sehr viel häufiger ist, und dann geht halt nix im Bett.

Sollte sich ein solches Paar finden, wäre die „Vorbildung“ eines*r allosexuellen Partner*in per Ace-Porno extrem gefährlich, weil sie im Extremfall zu einer Korrektiv-Vergewaltigung führen könnte, ohne dass di*er allosexuelle Partner*in sich dessen bewusst ist.

Aber, sagt eins nun, das sind ja nur eine Handvoll Texte.

Klar. Aber:

 

Es ist alles eine Frage des Verhältnisses

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir bei Fiktion über Asexuelle a) wir über ein geschätztes Prozent der Bevölkerung reden,  und b) nicht in einem Prozent aller Geschichten explizit asexuelle Personen vorkommen, sondern in sehr viel weniger.

Archive of Our Own listet im Dezember 2014 knappe 2400 Fan-Werke mit dem ensprechenden Tag – von mehr als 1,3 Millionen. 1% wären 13’000 plus, für mathematisch anspruchslose Personen. Das Verhältnis in derzeitiger Original-Fiktion, also den Texten, die über Buchhändler zu bekommen sind, ist meines Wissens noch schlechter. Auf BooRix gibt es eine Geschichte mit dem Tag „Asexualität.“

Heißt: Jeder schlechte Text über Asexuelle verschiebt das Verhältnis in größeren Ausmaßen, als, sagen wir mal, ein Text, in dem alle blonden Menschen böse sind, gegenüber allen Texten, in denen blonde Menschen vorkommen.

Dito fällt das Verhältnis von Literatur, in der Schwule eine Hauptrolle haben, zu der, in der sie bestenfalls eine Nebenrolle spielen, eklatant zugunsten der Heten aus.

Und nun schreibt ein Haufen Heten, oder zumindest Personen, die ich wegen ihrer Äußerungen über ihr Privatleben und Männernacktfotos dafür halten muss, Texte über Schwule.

 

Hier schreibt eine Mehrheit über eine marginalisierte Gruppe.

Dies mit Gusto, und, sagen wir mal, mit einigen eindeutigen Schwerpunkten, die ein selektives Bild der marginalisierten Gruppe vermitteln. Kein falsches Bild, aber ein selektives.

Grundsätzlich gibt es sehr wenige Texte, in denen irgendwer zufällig Bi oder Schwul oder Asexuell ist, und als Held*in Arsch tritt, sondern entweder kommen queere Figuren gar nicht vor, oder die queere Identität trägt überwiegend zum Plot bei. Schwule Kerls haben entweder Liebesgeschichten, Probleme oder sie existieren als Randfiguren/bester schwuler Freund/Mensch mit gebrochenem Handgelenk. (2)

 

Schon die Wahl, welche Geschichten erzählt werden, definiert die Gruppe, über die erzählt wird.

Queeres Volk hat hier eine, vorsichtig ausgedrückt, echt miese Auswahl.  Liebesgeschichte, Problemgeschichte oder … öhm. (3)

(Andere Gruppen haben das Problem auch, ich weiß. Irgendwer schonmal die Avengers angeschaut und festgestellt: 1 weiße Frau, 5 weiße Kerls. Mein derzeitiges Lieblingsfandom ist zum Verzweifeln, wie so viele andere auch.)

Wenn dann einer denkt, „Sch…, nicht schon wieder Romance von einer Frau“, kann ich das verstehen. Denn ein Haufen Frauen* sieht nunmehr Schwule, oder was sie dafür halten, durch die Brille anderer Frauen, und nicht mehr durch eine schwule Brille.

Damit wird im schlechtesten Fall einer marginalisierten Gruppe die Deutungshoheit über die eigene Identität genommen. Oder: Die Gruppe mit der größeren Öffentlichkeit nimmt der Gruppe mit der kleineren Öffentlichkeit die Macht zur Selbstdefinition.

Das heißt jetzt nicht, dass alle sofort aufhören sollen, Gay Romance zu schreiben. Ich für meinen Teil hab vorerst genug, auch wenn ich auf Figuren aus dem queeren Bereich kaum verzichten werde. Insofern:

 

Das hier ist ein Plädoyer, andere Geschichten zu erzählen.

Ein Plädoyer, nicht bis Band 7 einer Reihe zu warten, um eine der wichtigen Nebenfiguren sich als verkehrtrum outen zu lassen. Dumbledore als explizit in Grindelwald verliebt zu schreiben, statt sich in vagsten Andeutungen zu ergehen. Die Tony Starks dieser Welt mit allen flirten zu lassen, die als genormt attraktiv durchgehen, statt nur mit genormt schönen Frauen.

Und so weiter.

Eigentlich, eigentlich ist das gar nicht so schwierig …

(1) allosexuell – Ich habe aufgegeben, und verwende nunmehr „allosexuell“ für Menschen, die sich außerhalb des asexuellen Spektrums verorten.

(2) Ja, ich weiß. Ich kann auch anders, Baby.

(3) Mit der Lupe zu suchen, aber ein paar hab ich glücklicherweise. Dazu mehr in einem späteren Post.

Das religiöse Henne-Ei-Problem einer Fantasyautorin

Ach, komm schon. Ringil, wie er ein Etikett von irgendeiner Schnitzerei pflückt, und damit herumwedelt. Dieser Schwachsinn? ‚Kein lebender Mensch hat jemals einen Dwenda gesehen.‘ Verfickter Mist, Shal. Kein lebender Mensch hat jemals Hoiran gesehen, aber die verfickten Tempel schließen sie trotzdem nicht. So ein Haufen scheinheiliger Arschlöcher.
Die Leute haben Angst, Ringil. Shalak hatte einen dunklen Bluterguss um sein linkes Auge. Ich kann sie verstehen.
Die Leute sind Schafe, wütete Ringil. Blöde verfickte Schafe.
Daraufhin gab Shalak keinen Hinweis, dass er anderer Meinung war.“

Aus: Richard Morgan, The Steel Remains, Kapitel 9 (23%, etwa Seite 92 von 391), eigene Übersetzung.

 

Was soll ich sagen? Ringil ist ein wütendes, gewalttätiges Arschloch mit einem Mundwerk, das selbst meine Mutter hätte zu Seife greifen lassen, aber ich bin relativ häufig mit ihm einer Meinung. Wie Shalak, in diesem Falle.

(Falls sich irgendwer wundert, dieser Hoiran hat eine Offenbarung, Tempel, und die zugehörigen Priester haben in etwa die Moral von Ultra-Evangelikalen.)

Ausgehend von diesem Zitat frage ich mich … Was macht Fantasyschreiben mit der eigenen Religion?

Kann ich überhaupt eine Religion erfinden, ohne eine Distanz zu meiner eigenen zu haben?

Was war zuerst da: Der Zweifel oder die Recherchetätigkeit?

Mit Distanz meine ich nicht die Gleichgültigkeit jener, die sich nicht damit beschäftigt haben, sondern eher das Gegenteil. Zu viele Pro und Contras, Quellanalysen, Schöpfungsmythen. Sich widersprechende Moralvorstellungen. Mächtige Götter, die ein Eroberer assimiliert hat, oder als Aberglauben diffamiert.

Der gleiche Text, der Analverkehr und Hexerei verbietet, schreibt auch vor, dass „hebräische Knechte“, die mann sich gekauft hat, nur sechs Jahre dienen sollen, während wir davon ausgehen dürfen, dass nicht-hebräische Knechte, genau wie sämtliche Mädge, mit einem lebenslangen Sklavendasein rechnen müssen. (Exodus 21 und 22)

Und wie viele Christen ahnen schon, dass die Wasser, über denen Gott anfänglich in der Bibel schwebt, die Überreste des Leviathan sind? Diese drachengewordene Urflut heißt, einfach gesagt, woanders Tiamat.

Wir feiern Weihnachten drei Tage nach der Wintersonnenwende wegen der Lichtsymbolik. Nicht, weil Jesus Christus im Dezember auf die Welt kam.

Schreiber*innen von High Fantasy wissen so etwas. Sie erfinden Religionen. Ich bin mittlerweile auf Nummer … nehmen wir nur die ausgeführten, Nummer Drei und Vier. Zweimal habe ich den germanischen/altnordischen Glauben zerrupft, einmal mich vom prä-islamischen Arabien inspirieren lassen, und einmal einen Ahnenglauben erfunden, der vage auf Gedanken aus dem Transformers-Fandom beruht. (Kein Scheiß. Ich kupfere hemmungslos von der eigenen Fanfic ab.)

 

Religionen  müssen ihren Anhänger*innen irgendeinen Mehrwert verkaufen

Sie beantworten Fragen nach den Ursprüngen und eventuellder Überlegenheit des Volkes/der Gläubigen, kennen den Sinn des Lebens, versprechen die Unsterblichkeit der Seele versprechen. Nebenher sorgen sie für ein geregeltes Zusammenleben. Mit verschiedenen spirituellen Einschüchterungsmethoden wird letzteres sichergestellt.

Selbst sehr säkuläre Gesellschaften – so wie unsere – fußen auf den Knochen und der Arbeit zahlreicher frommer Menschen. Auch Agnostiker*innen entfährt gelegentlich ein „Oh mein Gott.“ Der Donnerstag heißt immer noch nach Donar/Thorr, und der englische Wednesday trägt Wotan im Namen.

 

Ohne wenigstens ein bisschen Religion wackelt mein Weltenbau.

Aber je mehr ich recherchiere, je mehr Welten ich baue, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich jede Religion aus dem Blickwinkel der Religionserfinder*innen betrachte. Und, postuliere ich, mit viel Skepsis auf die meisten Behauptungen heiliger Schriften reagiere. Im Gegensatz zum Lesen von Fantasy-Romanen habe ich bei echten Religionen Schwierigkeiten, meinen Unglauben abzulegen.

Was haben diese Leute wirklich gesehen? Warum legen sie Wert darauf, genau diese Episode festzuhalten? Wie profitierte die Entstehungskultur von dieser oder jener Vorschrift? Wer hat ein Interesse daran, diese Gesellschaftsordnung als göttergegeben zu verkaufen? Cui bono?, fragen die Lateiner*innen. Wem nützt es?

 

Mehr Fragen als Antworten …

Ist in diesem ganzen Konvolut, das die Religionen der Menschheit darstellt, irgendwo ein Körnchen Wahrheit über das Metaphysische? Ist alles erfunden, oder alles, in einem übertragenen Sinne, oder tatsächlich, wahr?

Auf der Scheibenwelt existieren Gottheiten und Wesen wie die Zahnfee, weil Menschen an sie glauben. Auf der Erde dürfte es ähnlich sein. Ob der Christengott existiert oder nicht – allein die Tatsache, dass an ihn geglaubt wird, beeinflusst uns. Ob er damals in Palästina wirklich Mensch geworden ist, erweist sich am Ende für die Geschichte des Abendlandes als völlig unerheblich.

Links!

Ich bin zweimal fremdgegangen:

Druckfrisch beim preziösen Blog eine Antwort auf die Frage: „Warum ausgerechnet Gay Fantasy?“

Das Bundesamt für magische Wesen hat ein Update in Sachen Funkgerätepflicht für magische Pilot*innen. (Was soll ich sagen? Nonsens ist meine zweite Heimat.)

Ansonsten:

Auf meinem anderen Blog habe ich eine Übersetzung einer Fabel von The Dragon and the Fox, über Drachen, die Füchsen den Pelz versengen können, obwohl sie keine Schätze wollen und keinen Hort haben. Für alle zum Weiterverlinken, deren Identität irgendwann mal bestritten wurde. Oder für Leute, die Bingospieler*innen die Lächerlichkeit ihres Unterfangens klarmachen möchten.

Via drop the thought ein interessantes Interview (Englisch) über Diversität in Fantasy- und SciFi-Hollywoodblockbustern, und das zugehörige Formular zur Beurteilung von Geschichten. „Albenbrut“ hat eine ziemlich gute 2, weil der Bechdel-Test flachfällt. (Heilika ist keine Frau, aber Alea ist ein PoC, falls es irgendwem entgangen sein sollte.)

 

 

5 Tipps für Autor*innen

Via WordPress-Follows wurde ich auf Anja Bagus‘ Aktion 5Tipps für Autor*innen aufmerksam, und was soll ich sagen, nach meiner Albenbrut, die da ein 670-Seiter Queer Fantasy in 2 Teilen ist …

albenbrut coveralbenbrut-gebrannte kinder-cover… einiger Crack-pairing-Fanfiction und zweieinhalb Romanen in der Schublade, nun fünf Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich das erste Mal bei einem Geschichtenwettbewerb abgelost habe.

Ich habe versucht, Dinge aufzugreifen, die meine Vorrednerinnen nicht angeschnitten haben, beziehungsweise dort auf Vorträge verzichtet, wo es schon genug Text gab, den mensch lesen kann, wenn si*er den Links unten folgt.

Erstens: Kritik ist ein Geschenk.

Nach meinen ersten fünf Kurzgeschichten dachte ich, ich sei das Beste seit geschnitten Brot, und die Welt warte nur auf meine Texte. Gemessen an Äußerungen von anderen Anfänger*innen bin ich keine Ausnahme.

Anfangs war ich wahnsinnig beleidigt, wenn jemand mir sagte, „da passt aber was nicht.“ Obwohl diese Kritik selten auf meine Person gemünzt war, fühlte ich mich angegriffen.

Bis ich dank meiner Textwerkstatt begriff, dass jeder Kommentar eine Hilfe ist, selbst wenn ich ihn nachher ignoriere. Dass Kritik nicht heißt: Du bist doof. Sie heißt: Das kannst du aber (noch) besser.

Dementsprechend bedanke ich mich auf für Verrisse höflich. Aus meinen Verlags- bzw. Agenturablehnungen habe ich mehr gelernt, als ich selbst gedacht hätte, da immerhin drei von vier tatsächlich begründet haben, warum sie einen Text nicht haben wollten.

Mittlerweile wundere ich mich, wenn ich mit purem Lob überschüttet werde, denn dann hege ich den Verdacht, dass di*er Leser*in mich nur schonen will, um des lieben Friedens willen.

Freund*innen so zu erziehen, dass sie einer erklären, dass sie gelangweilt waren, ist im Übrigen unerhört schwierig.

Zweitens: Ein bisschen Planung tut auch der Pantserin gut

Es gibt Leute, die planen gern vor dem Schreiben jede Szene. Es gibt andere Leute, die fangen am Anfang zu schreiben an, und rutschen dann irgendwie durch bis zum Ende. Da das auf Englisch auf dem Hosenboden stattfindet, anstatt dass sich irgendwer was aus den Fingern saugt, heißt die zweite Variante „pantsing“. Oder vornehmer Discovery Writing.

Wenn ich ohne irgendeinen Plan anfange zu pantsen, geht das manchmal gut, aber häufiger völlig in die Hose. (Ja, Flachwitz, und?)

Wenn ich also zu einem Ende kommen will, kann ich nicht ohne Plan loslegen, sondern sollte mir vorher im Klaren sein:

– Wer ist die Hauptfigur?

– Wer sind die anderen wichtigen Figuren?

– Wer ist di*er Antagonist*in, und warum ist si’*er „böse“?

– Was ist mein Thema – in einem Wort – oder wenigstens der Themenkomplex?

– Wohin will ich?

– Was sind die wichtigsten Stationen, um vom Anfang ans Ende zu kommen, also: die Plotpoints und der Wendepunkt?

Holly Lisle hat hier für Englischkönner*innen einen schönen Vorschlag, wie sich ein undetaillierter Plan machen lässt.

Den Rest überlasse ich dann meinem Unbewussten. Meistens kommen Dinge raus, die ich nicht erwartet habe, aber das ist, für mich, der halbe Spaß am Schreiben.

Drittens: Die erste Fassung existiert, um überarbeitet zu werden

Ich kann endlos am Stil eines neuen Absatzes feilen, und muss mich daher häufig zur Ordnung rufen.

Weiß ich, ob die Szene nachher so stehen bleibt? Ob ich nicht doch die andere Figur für die Perspektive auswähle? Ob der Dialog mir bei der Überarbeitung nicht zu gestelzt vorkommt, und ob ich diese ganzen schön gedrechselten Sätze so gebrauchen kann?

Antwort: Nein, das weiß ich nicht. Ergo: Stehenlassen und weiter im Text, wegen …

Viertens: Abgabetermine sind hilfreich, selbst, wenn sie nur in deinem Kopf existieren.

Um meinen Hang zum Perfektionismus in den Griff zu bekommen, setze ich mir eine Frist, bis wann die Rohfassung fertig sein soll. Diese Fristen sind relativ großzügig gefasst, weil ich mich ja kenne, deswegen hat so ein Text aber dann auch relativ wenige Rechtschreib- und Kontinuitätsfehler und kann theoretisch als Alpha-Fassung für die Alpha-Leserin stehenbleiben.

Völliges Verpuzzeln ins Detail verbietet sich dadurch jedoch. Das sofortige Rumfricklen lohnt sich sowieso nicht, denn erstens ist es immer noch die Rohversion (siehe oben), und außerdem…

Fünftens: Je länger ein Text liegt, desto eher bemerkst du seine Schwächen, aber das auch nur, wenn du ein bisschen Ahnung von der Theorie hast.

Betaleser*innen finden nicht jeden Fehler. Oder kreiden deine Grammatik an, obwohl eigentlich das Logikloch im Dialog viel schlimmer ist. Nicht mal Lektor*innen, die dafür bezahlt werden, die Lesbarkeit eines Textes zu optimieren, finden alles.

Alle Lücken zu finden ist ohnehin illusorisch, aber ein bisschen Abstand, sowie ein, zwei Umformatierungen oder andere Schriftarten tun so einer Rohfassung üblicherweise sehr gut. Laut lesen ist dann die Kür.

Käse, Wein und Steaks brauchen ja auch ihre Zeit, oder, um mit meinem Opa zu sprechen: Nu mal ned hudle.

Probleme zeigen sich natürlich um so leichter, wenn eins eine Ahnung hat, welche überhaupt vorkommen können. Was ist ein Infodump? Perspektive? Das Drei-Akt-Schema? Und was zum Henker ist eine Normseite?

Sich das eine oder andere Seminar, Schreibratgeber und/oder Schreibblogs reinzuziehen, schadet gewiss nicht. Dabei sollte es mensch nicht übertreiben, denn erstmal braucht es einen Text, den sich zu überarbeiten lohnt. Wer vor lauter Stilistikkursen in Wolfenbüttel nichts am eigenen Roman schreibt, macht was falsch.

Grau ist alle Theorie, aber maßgeblich ist im Dokument.

… Insofern allen weiterhin frohes Tippen.

Die anderen Autor*innenblogs mit ihren Tipps sind hier:

Arwyn Yale (Thriller)

Markus Gersting (Science Fiction)

Lara Kalenborn (Urban Fantasy, Steampunk, Jugendbücher)

Georg Sandhoff (Fantasy)

Brida Anderson (Urban Fantasy/Elfpunk)

George P. Snyder (Drehbücher)

Alex Jahnke (Satire)

Andrea Schneeberger (Fantasy, Mystery)

André Ka (Fantasy)

Nina C. Hasse (Steampunk)

Sandra Florean (Vampire)

Die bloglosen Autor*innen sind, wie alle anderen, dann bei den 5Tipps auf Anja Bagus‘ Seite zu finden. Dort gibt’s Steampunk zu lesen.

Mut zur Lücke

Alternativtitel: / * oder _?

Eine Verteidigung des Gender Gaps, in der Hoffnung, dass auch noch weniger theoriebewanderte Menschen als ich begreifen, worum es geht, wenn so seltsame Lücken in den Wörtern sind.

Susanne Bloos hatte ich hier gesagt, dass ein Widerspruch lauert, und hier ist nun die ausführliche Variante.

Erinnert sich noch wer, wie die Verfechter*innen der deutschen Sprache auf die Barrikaden gingen, als das Binnen-I in offiziellen Dokumenten eingeführt wurde? Immer noch gibt es Zwischenrufe, dass der Plural von Tänzerin Tänzer ist, sogar wenn nur ein Mann zu der Compagnie gehört. Oder dass „Zuhörerinnen und Zuhörer“ doppelt gemoppelt sei. Und dass ein Text mit Gender Gaps so schlecht lesbar sei.

Und überhaupt hat die Menschheit andere Probleme.

Letzteres ist korrekt. Frauen* in Deutschland haben es verhältnismäßig gut, und sie müssen selten Angst haben, ein öffentliches Klo aufzusuchen.

Aber.

 

Erstens: Nicht alle Menschen passen in eine von zwei Schubladen

Mein derzeit verwendetes Sternchen möchte darauf hinweisen, dass es Personen gibt, die weder Frauen* noch Männer* sind. (Hi!*) Und außerdem solche, die mit den üblichen Geschlechtsrollenzuschreibungen nichts anfangen können, selbst wenn sie ihr Pronomen mögen.

(*Ja, ich kenne „solche Leute“.)

 

Zweitens: Sprechen ist denken

Es ist mir völlig gleichgültig, ob das „schon immer so“ gemacht wurde, oder nicht. Nicht alle Dinge aus dem vorletzten Jahrhundert (siehe § 175) oder noch älteren Datums tragen zu einem gepflegteren Miteinander bei.

Nur weil „man“ vor etlichen Jahrhunderten etwas dachte, und die Meinung von „wip“ irrelevant war, zumindest sprachlich gesehen muss ich das nicht bis in alle Ewigkeit mit fortschreiben. (Mensch beachte außerdem, dass „wip“ grammatikalisch sächlich ist – passt bestens zur Muntehe.)

De facto haben auch frau* und Menschen ohne Gender eine Meinung, und die ist nicht notgedrungen mit der von mann* übereinstimmend, zumal sich mann* ja selbst in den seltensten Fällen einig ist.

Die deutsche Sprache hat also über sehr lange Zeiträume weiblichen Wesen im Plural selten Platz eingeräumt.

Ich denke, dass die meisten Menschen zustimmen kann, dass es einfacher ist, Ordnung in die Gedanken zu bringen, wenn mensch eine Sprache ordentlich kann. Im Gegenzug bedeutet das auch, dass die Wörter, die wir benutzen, unsere Gedanken und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wir hier sehen „Schnee“, andere Kulturen vielleicht eine von mehreren Dutzend Varianten desselben, und andere wieder „seltsames kaltes Zeug“, weil sie irgendwo leben, wo es keinen Schnee gibt.

Was sieht mensch vor dem inneren Auge, wenn von „Autoren“ die Rede ist? Wirklich einen diversen Haufen von etwa fünfzig Prozent Frauen*?

Diese latente Frauenfeindlichkeit? Die Tatsache, dass manche Männer* glauben, frau* schulde ihnen was? Deren Folgen blöde Sprüche auf der Straße und Amokläufe sind?

Ich weigere mich einfach zu glauben, dass diese Einstellung nicht damit zusammenhängt, dass frau* in der Sprache so häufig unsichtbar wird. Offenbar zählt frau* nicht genug, um erwähnt zu werden. Und respektiert schon gar nicht.

(Die Ärztin, mit oder ohne Dr. med. auf dem Namensschildchen, läuft auch in unseren modernen Zeiten noch Gefahr, mit „Sie, Schwester“ angesprochen zu werden.)

 

Drittens: Die Biologie ist nicht an allem schuld

Philosophisch gesehen, will der Gender Gap darauf aufmerksam machen, dass die meisten Unterschiede zwischen Männern und Frauen Produkt von Erziehung und Kultur sind, und nicht der Biologie.

Beispielsweise … wenn ich nur die Wahl zwischen Kindergarten und Bundeswehr hätte, würde ich letzeres nehmen. Früh aufstehen müsste ich dann so oder so. (Bäh.) Ich habe ein völlig unweibliches, aggressives Potential. Obwohl ich nicht so gern Actionplots schreibe.

Irgendwo wird es dafür einen Mann* geben, der lieber den ganzen Tag Kleinkinder bespaßen würde, es aber aus Angst, als unmännlich verspottet zu werden, nicht tut. Abgesehen von der Entlohnung, die in Kümmerberufen tendenziell eher mies ist. Resultat wohl der Tatsache, dass diese Kümmerei über Jahrtausende von zumeist Frauen* nur für Kost und Logis gewuppt wurde.

Kurz gesagt scheiße ich auf diese angeblich naturgegebenen Rollenverteilungen, und frage mit einer Ermittler*innenweisheit: Wo ist das Geld? (Wo ist die Macht? Wer hat die Vorteile?)

 

Was die Lesbarkeit angeht: Mensch gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Mittlerweile fallen mir Texte ohne Gaps eher auf als solche mit, was selbstverständlich auch damit zu tun hat, was ich außer englischsprachigen Texten, wo der Gap irrelevant ist, sonst noch lese.

Ich werde niemanden fressen, di*er weiterhin „man“ verwendet, oder einen männlichen Plural. Ich nehme mir aber raus, mehr Zeichen zu tippen und somit penetrant darauf hinzuweisen, dass außer Männern auch andere Menschen Meinungen haben.

Von wegen Eskapismus …

Nun hatte ich als Einstiegspost zu diesem Blog ein Lob des Eskapismus. Ich bin immer noch der Meinung, dass ein guter Fantasyroman ein viel besserer Weg ist, die Seele baumeln zu lassen, als Fernsehen. Ein guter phantastischer Text versetzt mich innerhalb von ein paar Sätzen in eine Tiefenentspannung, um die ich beim Autogenen Training ringe.

Aus irgendwelchen Gründen sind Fantasyautor*innen aber unseriös. Wir blenden die Realität aus, haben einfache Konzepte von Gut und Böse, verzichten auf Graustufen, schreiben darüber, dass irgendwer das Königreich rettet, anstatt die Institution Königreich in Frage zu stellen. Und so.

Es wäre aber völliger Unfug zu behaupten, dass spekulative Fiktion völlig apolitisch ist. Selbst, wenn keine eindeutige ikonische Aussage getroffen wird – Spidermans „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ lässt grüßen, dito Optimus Prime’s „Freedom is the right of every sentient being“ – kommt nicht mal di*er abgeratzteste Magier*in im obskursten Königreich hinter den sieben Bergen ohne Politik aus.

Wenn wir mal auf das Königreich zurückkommen: Noch in der 1848’er Revolution in Deutschland wurde jemandem das Kaisertum angetragen. Der Mensch lehnte ab, die Revolution scheiterte. Offenbar war das Prinzip König, beziehungsweise Kaiser so tief in den Köpfen verwurzelt, dass eine Ablehnung des Wunschkandidaten mit dazu führte, dass die Demokratie in Deutschland noch recht jung ist, und zwei Anläufe brauchte.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, wäre das Prinzip Demokratie etwas gewesen, bei dem sich Befragte an die Stirn getippt hätten. Bezüglich Frauenwahlrecht haben die europäischen Befragten das ja teilweise bis in die Achtziger getan.

Also: Wenn da erfundene Leute in einem erfundenen Königreich leben, und es ihnen einigermaßen gut geht, und dieser König noch dazu eine religiöse Legitimation aufweist, dann wird das Prinzip Demokratie den Horizont der meisten erfundenen Figuren übersteigen. Deswegen wird das Königreich gerettet, da es eben Stabilität und einen gewissen Wohlstand verspricht.

Unabhängig davon spiegelt jeder Text die Person und deren Einstellungen wieder, von der er geschrieben wurde. Und die sind immer von der gegenwärtigen politischen Situation beeinflusst. Wer es unsicher hat, sehnt sich vielleicht nach der Stabilität, die ein Königreich verspricht, wer sich unfrei fühlt, schreibt sich vielleicht eine Welt zurecht, in der si*er so leben kann wie si*er möchte.

Treten da Frauen* Arsch, oder sind sie schmückendes Beiwerk? Wieso kommt das Böse ausgerechnet aus dem Osten, oder aus dem afrikanisch angehauchten Süden?

Wie viele People of Color leben da? Kommt da eine weiße Person und rettet die naiven Eingeborenen? (Auch arschtretende Frauen* können naive Eingeborene retten.)

Wie viel queeres Volk gibt es? Kommt es überhaupt vor? (Auch wunderbare Metaphern gegen Rassismus und pro verantwortungsvollen Umgang mit Macht können dabei auf ganzer Linie versagen. Darf ich im Übrigen Ron Weasley erwürgen, der seinen Muggel-Fahrprüfer konfundieren muss, um überhaupt an einen Führerschein zu gelangen? Der ultimative Beweis, dass Voldemort tot ist, aber seine Einstellungen fröhliche Urständ feiern.)

Fantasy wird fast immer von Nordamerikaner*innen und Europär*innen verursacht, gemeinsam mit ein paar Leuten aus anderen ehemaligen Kolonien Großbritanniens. Das merken aufmerksame Leser*innen. Das Publikum ist weniger homogen, und manchmal recht genervt vom Euro- bzw. Amerikanozentrismus des Genres. Beispielhaft (auf Englisch) der große Race Fail 2009, und die jüngsten Debatten um die Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Also. Keine Person, die irgendwas schreibt, ist frei von politischen Einstellungen. Ob überzeugte Demokrat*in, „Sind eh alles Verbrecher“-Nichtwähler*in, Royalist*in oder Anarchist*in. Ob gläubig oder atheistisch, aus Deutschland oder den USA, konservativ oder queerfeministisch, Mittelschicht oder Prekariat. Unsere Denke wird sich in den Text schreiben, egal, wie wenig beabsichtigte Botschaften dieser Text hat. Und genauso wird sich in den Text schreiben, worüber wir nicht nachgedacht haben, oder noch nie nachdenken mussten.

Wie eine Gesellschaft funktioniert, wer wo wie Platz darin findet – ohne solche Überlegungen kommt der Weltenbau nicht aus. Wenn er es dennoch tut, wird der Text wahrscheinlich nichts taugen.

Insofern: Realität muss, wenn schon, dann willentlich ausgeblendet werden.

Sprachen erfinden, oder nicht

Da ich gerade an Fantasy schreibe, die nicht eurozentrisch ist, stehe ich vor einem gewissen Dilemma, das ich hier mal ausführen möchte: Ausleihe/Anleihen bei anderen Kulturen und erfundene wie echte Sprachen.

Ich bevorzuge immer, wenn Wörter etwas bedeuten, oder, in der Fantasy, wenigstens so tun als ob.

Unter anderem, da ich so den Eindruck hatte, dass „Imardin“, „Kyralia“ und dergleichen es nicht tun, vor allem, da in Kyralia noch Städt wie „Coldbridge“ liegen, bin ich von Trudi Canavans Weltenbau nicht so wahnsinnnig beeindruckt (nebenher fehlt dem ganzen Konstrukt eine überzeugende Religion, finde ich noch viel schlechter). George R. R. Martin hingegen nehme ich seine Ortsnamen in Westeros ab. Obwohl die ebenfalls fröhlich drauflosgestückelt sind, habe ich den Eindruck, dass er verschiedene Gründungszeiten und Eroberungszüge nachstellt.

Tolkien treibt mich nicht in den Sprachwahnsinn. Auch nicht N.K. Jemisin mit ihrer „Dreamblood“-Duologie, die sich im Weltenbau auf das alte Ägypten beruft, deren Sprache aber nicht mal ansatzweise so klingt, als könnten dort auch ein Tut-anch-amun oder ein Imhotep rumspringen. Genauso bekommt Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ es hin, in sich konsistent zu sein, auch wenn es mich bei „Anilin“ auf der Karte jedes Mal lächert. Die Badische Anilin- und Sodafabrik lässt grüßen.

Um Schwierigkeiten wie die von Kyralia zu vermeiden, habe ich irgendwo den Tipp gelesen (der Link ist leider nicht mehr aufzufinden, zumal ich auch nicht mehr weiß, ob’s deutsch oder englisch war), dass mensch sich Wörter einer Sprache raussuchen soll, und die vorsichtig verändern, dann kommt hinterher was zueinander Passendes raus. Das ist unbestritten die Wahrheit.

Das, was dann rauskommt, heißt dann nichts mehr, klingt aber nach etwas, das existiert. Frei nach dem Motto: Bilden wir uns ein, dass dieses Land nichts mit der Türkei/Russland/Griechenland/Sonstwo zu tun hat, auch wenn ich mich, eventuell, gleich noch auf Klischees berufe, die wir zu den Patensprachen im Kopf haben. (Und hier dürfen wir G. R. R. Martin winken, der bei seinen Pseudo-Mongolen dann wirklich nicht mit der „rohe Wilde“-Keule gespart hat.)

Der Begriff „cultural appropriation“/kulturelle Aneignung wird im deutschsprachigen Netz nicht so häufig diskutiert wie auf Englisch. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass Deutschland eine andere, und wenig erwähnte Kolonialvergangenheit hat, und der Sklavenhandel zwar auch von Mitteleuropäern, aber nicht auf mitteleuropäischem Boden betrieben wurde. Im Gymnasium habe ich gelernt, dass Deutschland Kolonien hatte, aber nicht, was dort vorgefallen ist.

Für meine neue Geschichte habe ich also geklaut. Und zwar einmal bei den prä-islamischen Religionen der arabischen Halbinsel, und zweitens bei den Berberkulturen und der marokkanischen Geschichte. Der für Fantasy unabdingbare magische Einfluss sind in diesem Falle, konsistenterweise, Jinn. Nebenher habe ich mir noch einen Monotheismus aus der altgermanischen Religion gebastelt – meine Eroberer müssen schließlich erstens auch was glauben, und zweitens einen Vorwand für ihre Eroberungszüge haben.

Jedenfalls wird jede*r Leser*in die entsprechenden Assoziationen im Kopf haben, sobald ich Wüsten, Datteln und Kamele erwähne. Alle werden wissen, was ich meine, und woher ich die Inspiration habe. Sobald ich anfange, mein Projekt zu beschreiben, denken meine europäisch sozialisierten Zurhörer*innen an dieses eine Tuareg-Foto, Wunderlampen, Bauchtänzerinnen in Glitzerkostümchen mit durchsichtigen Schleiern, und dekorative Palmen mit noch dekorativeren Pyramiden im Hintergrund.

Ich hoffe, dass sie ein bisschen doof aus der Wäsche gucken, wenn sie den Text lesen.

Das Irre an der ganzen Sache ist ja, dass da einerseits über dieses Märchenhafte aus 1001 Nacht geseufzt wird, während gleichzeitig der Islam als „böse“ betrachtet wird.

Den Islam werde ich in meinem Text, wie alle anderen real existierenden Religionen, außen vor lassen. Obwohl es ein Text ist, den ich auch schreibe, weil ich einige Fragen zum Thema Religion habe.

Und weil irgendwann in den letzten Jahren diese exotischen Kulissen angefangen haben, mich zu nerven. Weil sie eben meistens bloße Kulisse bleiben, und die Figuren, die vor diesem Hintergrund agieren, so gar nicht von der Kultur beeinflusst scheinen, die diese Kulisse erst möglich macht.

Ich möchte Informationen. Was glauben diese Leute? Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? In welcher freundlichen oder unfreundlichen Umwelt leben sie? Wie beeinflusst das ihr Verhalten, ihre Kleidung, das, was sie sich vom Leben erhoffen?

Eine Zeitlang war ich daher der Meinung, dass ich, wenn ich schon klaue, gleich in die Vollen gehen kann. Entweder funktioniert der Text, und dann ist es völlig gleichgültig, ob ich arabische oder erfundene Wörter verwende, oder ich greife ins Klo, und dann ist es genauso gleichgültig, weil sowieso Kacke.

Aber: Ich schreibe über Religion, und über die Instrumentalisierung derselben, aber nicht speziell über den Islam. Halbwegs Geschichtskundige werden wissen, dass das Christentum sich nicht über eine weiße Weste freuen kann, um das mal vorsichtig auszudrücken. (Hinweis zum Beispiel auf die Bibelstellen und deren Verzerrung in „12 Years A Slave“.)

Verwende ich arabische Wörter, ist die Gefahr größer, dass irgendwer glaubt, dass ich den Islam kommentiere, auch wenn ich peinlichst darauf achte, religiös konnotierte Wörter und Namen zu vermeiden.

Schlussfolgerng: Doch Zeug erfinden, und nebenher immer im Wörterbuch checken, um peinliche Verwechslungen zu vermeiden. (Jupp, mein Arabisch existiert am unteren A1-Level.) Denn, „kaputt“ heißt hinüber, ist ein Kopf auf Lateinisch und beinahe auf Arabisch ein Kondom.

Irgendwer mal vor einem ähnlichen Problem gestanden?

Was sich die Autorin gedacht hat: Heilika

Nachdem es an anderer Stelle Widerspruch gab, als ich Heilika als butch präsentierend bezeichnet habe, dachte ich, ich muss das mal ausführen. Außerdem ist morgen offiziell großer Tag, und ich schreibe lieber was, als mir an den Nägeln zu kauen und auf Rezensionen zu warten.

Üblicherweise überlappen sich ja „was di*er Autor*in sich dabei gedacht hat“ und das, was die Wissenschaft später glaubt, das di*er Autor*in gedacht hat, nicht zu hundert Prozent. (Hier geht’s zu einer englischsprachigen Analyse, dass Iago nicht neidisch auf Othello war, sondern eifersüchtig. Mein lokales Theater hat derletzt Antonio aus „Was ihr wollt“ als verliebt in Sebastian gezeichnet, was eine Zeitung gar nicht lustig fand. *kopfkratz* Der Text kann slashig gelesen werden, sogar ohne rosa Brille.)

Nun bin ich weit entfernt von Shakespeare. (Größenwahn irgendwer? Ich hätte welchen abzugeben.) Aber Heilika – Betonung auf der zweiten Silbe – ist kompliziert genug, um ein paar Worte über sie zu verlieren, ohne all zu viel darüber zu verraten, wie die Geschichte ausgeht. Für extrem Spoilerscheue gibt’s trotzdem einen Cut. Weiterlesen