Pride Month 2020

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Pride Month also. Ist halb durch. Hier in Deutschland wird das ja nicht so publiziert wie in den USA. Der Stonewall-Aufstand war im Juni, also ist dort der gesamte Monat Anlass, sich mit den Rechten der diversen Buchstaben-Menschen auseinanderzusetzen.

Als einige europäische Länder gerade eben so zögerlich darüber nachdachten, dass man ja Männer, die Männer lieben, nicht unbedingt einsperren muss, gab es in New York City sowohl eine sehr hohe Dichte an queerem Volk als auch eine repressive Gesetzgebung. Bei einer Razzia im Stonewall Inn hatten ein paar Menschen endgültig genug, von der Polizei gegängelt zu werden, es folgten einige Tage Unruhen.

Überrascht es, dass da weniger die Polohemd tragenden netten weißen Kerls von nebenan auf die Barrikaden gingen, sondern trans Frauen und Menschen in Drag? Ein Haufen junge Leute zudem, die kaum Geld hatten und oft keine feste Adresse?

Aber ohne feste Adresse ist es schwierig, sich zu organisieren, und die Organisationen, die es gab und die die Aufstände in politisches Kapital verwandelten, waren nicht besonders gut darin, Personen of Color, von den Eltern rausgeworfene Jugendliche und Leute einzubinden, die das Bild des braven schwulen Nachbarn mit ihrer Feminität und ihren Fummeln störten.

(Nachzulesen unter anderem in „Stonewall“ von David Carter.)

Jetzt ist wieder Pride Month, und in den USA hat sich ein neuerlicher Aufstand etwas beruhigt, aber der Aufstand fand aus anderen Gründen statt. Oder aus ähnlichen? Ist ja nicht so, als hätten nicht wenige weiße Buchstabenmenschen egal welcher Nationalität ein Problem mit Rassismus.

(Wir müssen uns daran erinnern, dass der Vorwurf von Homosexualität bereits erfolgreich von Faschisten verwendet wurde, um die Morde an anderen Faschisten zu rechtfertigen. Übrigens hat das restriktive Waffengesetz der Bundesrepublik seine Wurzeln wohl mit im Naziregime — sollten also tatsächlich in den USA Faschisten an die Macht kommen, täte sich die NRA wohl wundern, wer auf einmal alles überprüft wird, bevor sie eine Waffe rumtragen dürfen.)

Das ist der Witz an solchen Verwerfungen: Es gibt sehr viele. Und während manche Menschen es einfach halten und alles verachten, was nicht weiß, mindestens Kleinbürgertum, cis-männlich, gesund, able-bodied und heterosexuell ist, haben wir alle unsere Vorurteile aufgesaugt. Frausein schützt unter keinen Umständen vor Frauenverachtung, Rassismus, Hass auf queere Menschen, Klassismus oder Behindertenfeindlichkeit.

Homo- wie Heterosexuelle üben sich in Bifeindlichkeit. Und so weiter. Und so weiter.

Die a_sexuelle Community leidet übrigens unter einem eklatanten Mangel an gut sichtbaren Menschen, die nicht weiß sind.

(Aber das weiterzuverfolgen, ist hier nicht zielführend, zumal ich noch keine Ideen diesbezüglich habe.)

Zwar bringt es die Menschheit in ihrer derzeitigen Situation nicht weiter, immer „Wir“ und „Die“ gegeneinanderzusetzen (kein Planet B und so). Aber über Jahrhunderte eingeübte Verhaltensweisen und liebgewonnene Glaubenssätze legen sich nicht so schnell ab, wie es nötig wäre.

Und wenn schon der bewohnbare Teil des Planeten langsam in den schmelzenden Eismassen von den Polen versinkt, ist es wohl tröstlich, sich an Etiketten zu klammern. In der Hoffnung, dass die schwimmen?

Enttäuschende Aufsätze von Bestsellerautorinnen

CN: Mäander über Transfeindlichkeit mit Erwähnungen sexueller Gewalt

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Also, J. K. Rowling, die Frau, die Harry Potter erfunden hat, bekommt seit einiger Zeit Internet-Gegenwind wegen Transfeindlichkeit.

Gegen den Gegenwind schrieb sie einen langen Text. Sie sei gar nicht transfeindlich! Aber sie habe halt Bedenken.

Am Anfang klingt der Text vernünftig, zumal sie einen verständnisvollen, ruhigen Ton anschlägt. Frau gerät so ins Mitnicken, und wenn eine mal das Mitnicken angefangen hat, findet sie da selten schnell wieder raus. (Menschen sind halt so. Dreimal zugestimmt, da ist es echt schwierig, beim vierten Argument zu sagen: „Halt mal …“)

Trans für Dummies

Grundlage für den Streit ist Folgendes:

Bestimmen die Geschlechtsteile, die Menschen haben, automatisch deren Geschlecht? Also, ob sie Männer oder Frauen sind?

Oder ist das Geschlecht, das Menschen in ihrem Kopf und Herz haben (das Ich-Geschlecht, wie es eine großartige Person nennt), ausschlaggebend?

Je nach Standpunkt haben wir dann bei trans Menschen entweder Männer und Frauen, die einen an der Waffel haben und deswegen Namensänderungen, Hormone und/oder Operationen wünschen,

oder

Menschen, denen es in ihren Körpern und/oder den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Rollen nicht gut geht und die daran dann verständlicherweise etwas ändern wollen.

(Inter* Menschen kommen in der ersten Meinungskette wohl nicht vor.)

J. K. Rowling gehört zu der Fraktion Biologie = Geschlecht.

Ich nicht.

Trotzdem kam ich bei ihrer Verteidigung ins Mitnicken, was sie zu einer großartigen Autorin, macht, aber nicht unbedingt zu einem großartigen Menschen. Aber daran habe ich schon seit Dumbledore und vor allem seit Ron Weasley im Epilog von Band 7 gezweifelt.

Sezieren wir die Argumentationskette von JKRs Aufsatz mal.

Teil 1: Trans Männer

  • Sogenannte trans-ausschließende Feminist*innen würden sich um alle Menschen kümmern, die als Frauen geboren seien, auch um trans Männer, also würden sie gar nicht grundsätzlich trans Menschen ausschließen.
    • Was hat das mit dem Thema zu tun?
  • Sie macht sich Sorgen um junge Menschen. Es gibt einen nachweislich zu verzeichnenden Anstieg von jungen Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurde, und die eine Transition anstreben. Angeblich sei das in manchen Freundinnenkreisen regelrecht ansteckend, wie Magersucht wohl manchmal. Und was ist dann mit Mädchen, die merken, dass sie nur angesteckt wurden, aber schon mit Hormonen oder Operationen ihren Körper unwiederbringlich verändert haben? (Text zu dem von JKR erwähnten Artikel samt Streit im englischen Wikipedia hier.)
    • Das ist eine einzige Studie über die Befragung von Eltern, die sehr häufig als letzte eingeweiht werden.
  • Trans Aktivist*innen würden behaupten, dass der Hauptgrund für die überdurchschnittlich vielen Suizide junger trans Menschen daran läge, dass man sie von der Transition abhalte.
    • Ich halte das für eine fehlerhafte Behauptung. Wie viel Schaden richtet es an, wenn sich das Umfeld weigert, einen anderen Namen und Pronomen zu benutzen? Wenn das Umfeld mit Aggression auf die Überschreitung der derzeit geltenden Geschlechtsnormen reagiert? Wahrscheinlich mehr als die Frage, ob Hormone zur Pubertätsblockade verschrieben werden oder nicht.
  • Also was ist nun mit den Leuten, die voreilig Hormone und OPs bekommen?
    • Wie viele sind das, mal ehrlich, bei den derzeitigen Zuständen im deutschen und englischen Gesundheitssystem? Letzteres ist ja bekanntlich seit Jahren überfordert, mit allem.
  • Und außerdem, wenn JKR sich so anschaut, was junge trans Männer so schreiben, dann erkennt sie sich als junger Mensch wieder. Vielleicht hätte sie sich auch eine Transition gewünscht, wenn sie heute geboren wäre? Immerhin sei es eine große Verlockung, dem Frausein permanent zu entkommen, und sie habe damit als Jugendliche gehadert.
  • Also: Wie viele junge trans Männer kommen zustande, weil die Gesellschaft so beschissen frauenfeindlich ist?
    • Eine Antwort darauf habe ich nicht. Diesbezüglich habe ich aber etwas Ähnliches über nichtbinäre Menschen gehört, die in JKRs Text gar nicht vorkommen, die aber in meinem aktivistischen Bekanntenkreis viel häufiger sind als trans Männer. Aber wenn ich überlege, dass eine Transition mit mehr Hindernissen verbunden ist als feministischer Aktivismus, holpert das irgendwie.

 

Widersprüchliches Fazit 1:

JKR unterstützt als Feministin trans Männer, auch wenn das ihrer Meinung nach zu 60 bis 90% Frauen sind, die einfach keinen Bock mehr haben, vom Patriarchat unterdrückt zu werden.

 

Teil 2: Trans Frauen

  • Trans Frauen und cis Frauen haben unterschiedliche biologische Wirklichkeiten. Mit diesen biologischen Wirklichkeiten wird Politik gemacht. Es wird unterdrückt und dagegen gekämpft.
    • Ja.
  • Es könnte sein, dass der Kampf gegen die Unterdrückung aufweicht, wenn wir aufzeigen, dass das biologische und das Ich-Geschlecht nicht unbedingt was miteinander zu tun hat.
    • Den Vorwurf, dass trans Menschen den Feminismus unterhöhlen würden, habe ich bereits gehört und für Unfug befunden. Nur weil eine Person trans ist, heißt das ja nicht, dass Menschen, die das nicht akzeptieren, selbige nicht als Frauen und damit minderwertig behandeln. Insofern ist Feminismus quasi ein Mitinteresse jeder halbwegs mitdenkenden trans Person.
  • Die Entscheidung, bei machen Themen beispielsweise von „Menschen, die menstruieren“ statt von „Frauen“ zu sprechen, ist für manche inkludierend und für andere befremdlich.
    • Kann sein. Neue Sachen sind für viele Leute befremdlich.
  • Frauen werden sehr häufig aufgrund biologischer Gegebenheiten beleidigt, es sei also abwertend, biologische Gegebenheiten als Beschreibung zu verwenden.
    • Blicke ich nicht. Man könnte sich die auch zurückerobern? Und halt mal nicht hinter vorgehaltener Hand rumflüstern, dass „Erdbeerwoche“ sei.
  • JKR hat sexuelle Gewalt überlebt und immer noch mit den Folgen zu kämpfen.
    • Wo ist der Typ, damit ich ihn umbringen kann? Und wieso verknacken wir eigentlich nicht alle Täter sexueller Gewalt lebenslänglich, um weitere Menschen vor ihnen zu schützen? Es handelt sich nachweislich bei fast allen um Serientäter.
  • Trans Frauen verdienen mehr Sicherheit. Cis Frauen und Mädchen verdienen aber auch mehr Sicherheit. Sie will nicht, dass ihre Töchter das mitmachen, was sie erlebt hat.
    • Wieso schließt sich das aus?
  • Es gibt Pläne, dass in Schottland zur Personenstandsänderung bald nur noch eine einfache Erklärung nötig ist. Also muss jetzt ein Typ nur noch hingehen, behaupten, dass er eine Frau sei, und auf einmal habe er Zugang zu Räumen, die sonst nur Frauen offen sind.
  • Täter könnten das ausnutzen!
    • Äh. Okay. Also, die Kerle, die in Südkorea Kameras auf Damentoiletten installieren, können das prima ohne wechselnden Geschlechtseintrag. JKR glaubt doch nicht ernsthaft, dass ein potentieller Täter erst mal über eine bürokratische Hürde springt, um an nicht von Putzpersonal beaufsichtigten Orten (egal ob Klos, Umkleiden, Parks, Clubs oder daheim) Frauen zu vergewaltigen? Und was ist mit den trans Personen, die in Toiletten beschimpft, verprügelt oder vergewaltigt werden, weil sie irgendeiner übergriffigen, transfeindlichen cis Person nicht passen?

 

Widersprüchliches Fazit 2:

JKR akzeptiert trans Frauen und will sie beschützen, aber im Grunde verdächtigt sie alle trans Frauen, potentielle Täter für sexuelle Gewalt zu sein.

 

Ende

Und das, meine lieben Mitmenschen, ist dann in gleich zwei Varianten transfeindlich. Aber halt echt verdammt gut versteckt.

Vorankündigung: Expedition Unsichtbar

Expedition Unsichtbar …

Eine Erkundungstour in die Welt des asexuellen Spektrums.

dr dewinter in heroischer pose

In erster Linie ist diese Tour gedacht für die unsichtbaren Menschen aus dem asexuellen Spektrum, die dringend etwas brauchen, um vorzuführen, dass das kein Internethype ist. (…) Ihr seid nicht allein.

Einige interessieren sich vielleicht auch dafür, warum manche Dinge so sind, wie sie sind. Viele Neulinge wissen nicht mehr, woher die Flagge und verschiedene Begriffe kommen, oder warum manche alten Häsinnen bestimmte Ermahnungen wiederholen.

Dieses Buch ist für allosexuelle Menschen – solche, die nicht zum asexuellen Spektrum gehören. Einige von Ihnen haben Angehörige oder Lieblingsmenschen aus dem asexuellen Spektrum, und Sie interessieren sich für deren Lebensrealitäten. Sie sind mit Ihren Fragen, Bedenken und Sorgen ebenfalls nicht allein.

Dieses Buch ist für Menschen, die in der Aufklärungsarbeit und Sichtbarmachung aktiv sind, Menschen, die lieber ein Buch lesen, statt hundert Internetadressen zu wälzen. Abgesehen davon lassen sich Bücher einfach besser zitieren.

Es ist für Menschen, die im Berufsalltag mit Asexualität zu tun haben: Für andere Schreibende als Recherchewerkzeug, für Menschen in der Psychotherapie und anderen Heilberufen als Handreichung für das Basiswissen.

Und zuletzt freue ich mich über alle, die das Buch einfach so lesen, weil sie Interesse am Thema haben.

Ab dem 28.06.2020 im Buchhandel, wenn alles so klappt wie geplant.

Warum kräht die Frau Autorin nicht früher? Bücher schreiben kostet Zeit, ich habe jetzt gewiss nicht dieses Frühjahr 200 Seiten aus dem Ärmel geschüttelt.

Grund: der Aberglaube, dass eins sich nicht zu früh freuen soll. Und ein wenig Skepsis.

Es ist schon eine gute Weile her, da zerbrachen sich der wunderbare T. A. Wegberg und ich den Kopf, welcher Verlag denn eine Übersetzung von „The Invisible Orientation“ machen könnte.

Es nutzte nichts, niemand wollte. „Kein Markt.“ Und eine Übersetzung ist teuer.

Also überlegte ich, dass es billiger ist, was Einheimisches zu verlegen, und fing an zu schreiben. Außerdem war „The Invisible Orientation“ schon ein paar Jahre alt, es hatte sich viel getan seitdem.

Das war im Herbst 2018.  Im Frühsommer 2019 bat ich einige nette Menschen um Rückmeldungen, und dann suchte ich einen Verlag, fand nach einigen Absagen einen …

… Und dann kam der Lockdown. Alles war schon wieder unsicher.

Aber jetzt gibt es einen Termin, und ich bin super gespannt auf das Cover, das ich auch noch nicht kenne.

Hibbel!

Hier sind die wichtigsten Infos bei Marta Press, die übrigens kaum Wünsche offen lassen, wenn es um feministischen und antifaschistische Diskurse und gesellschaftskritische Themen geht.

 

 

 

Aces, Zitate und seltsame Startseiten …

… oder: Die DeWinter prokrastiniert.

In den letzten zwei Tage ist meine asexy Facebook-Blase voll von Werbung für eine neue Partnerbörse names Acedate.de.

Eine Person meines Vertrauens hatte sich die Startseite angeschaut und eine Ungereimtheit gefunden, und da ich es gerade vermeide, an meinem neuen Roman weiterzuschreiben, habe ich mal genauer hingeschaut.

Am Anfang klingt das natürlich geil: Eine neue, kostenlose Singlebörse für Menschen aus dem asexuellen Spektrum! Und sogar aromantische Leute sollen sich da wohlfühlen. Wow.

Ist natürlich werbefinanziert, deshalb muss die angemeldete Person ihre Daten von Google Analytics analysieren lassen.

Ein wenig seltsam auch, wenn man weiterscrollt:

screenshot Acedate cropped

„Acedate ist eine seriöse und 100% kostenlose Dating und Partnersuche Plattform für Menschen mit Depression, Phobien oder Burnout Syndrom, Sowie Menschen mit Beziehungsangst und psychisch stabilen Menschen für die besagte Erkrankungen kein Beziehungs-Hindernis darstellen.“

Abgesehen von der grausigen Verwendung und Unterlassung von korrekten Kommas und anderen Satzzeichen klingt das nun nicht besonders, als seien a_sexuelle Menschen angesprochen.

Oder wendet sich das an die Leute, die glauben, dass wir Aces alle einen an der Waffel haben? Nach dem Motto: „Wir wissen ja, dass a_sexuelle Menschen gar nicht existieren und dass die unterliegende Schwierigkeiten haben, die sie nur nicht zugeben wollen. Wenn Sie normal sind und Ihnen das nichts ausmacht, können Sie sich trotzdem umtun.“

Die Person meines Vertrauens meinte, es sei nur schlecht abgeschrieben, oder dass da eigentlich was anderes hingehört.

Was es nach einer Copy-Paste-Suchmaschinennutzung ohne die ersten Worte auch tatsächlich tut.

Ein wenig hat wer dann doch mitgedacht, denn es erscheint, wenn wir den „Mehr“-Button drücken:

„Acedate.de ist eine kostenlose Dating und Kennenlern Plattform, die sich an Menschen im asexuellen Spektrum richtet. Acedate versucht hierbei eine Anlaufstelle zu sein, für asexuelle Singles mit Wunsch nach Partnerschaft und/oder evtl. Kinderwunsch sofern vorhanden. Dar Asexualität wenn überhaupt dann nur bedingt auf konventionellen Partnersuche Seiten berücksichtigt wird, freut es uns ebenjene Lücke zu füllen und Menschen auf der Suche nach einer Beziehung behilflich zu sein, wo anderenorts Asexualität als widriger Umstand empfunden und behandelt wird. Ebenso sind gerne Angehörige oder Interessierte willkommen, die sich über die Themen Asexualität, Aromantik, Demisexualität oder Greysexualität erkundigen wollen, da Acedate ebenso über ein Forum zwecks Wissenstransfer verfügt. Eben genannte Ausprägungen der Asexualität werden zum Zeitpunkt dieser Niederschrift von Acedate unerstützt und können auf der persönlichen Profilseite ausgewählt werden. Sämtliche Nutzungsfunktionen von Acedate sind und bleiben kostenfrei. Uns würde es freuen Asexuelle Menschen mit dem Wunsch nach Liebe, Beziehung und Familie zusammenzuführen.“

Das ist jetzt, lassen wir die Rechtschreibung, das Überangebot an fetter Schrift und die weiterhin kreative Anwendnung von Leerzeichen beiseite, eigentlich ein ganz nettes Statement über die Mission.

Scrollen wir nach Klicken des „Mehr“-Buttons weiter, finden wir Links zu schlecht lesbaren Informationen über Asexualität (ohne Quellenangabe von Wikipedia und Anthropedia kopiert, wie man problemlos an den Fußnoten erkennen kann) und Demisexualität, das ohne Quellenangabe bei GoFeminin kopiert wurde.

Es wäre jetzt nicht das erste Medium, das fremde Texte über Demisexualität kopiert. (Ich finde den Link auf Anhieb nicht mehr, aber ihr wisst, wer ihr seid.) Und während ich bei meinen Webtexten und Wikipedia zumeist umgänglich sind, ist das ungefragte Klauen bei einer kommerziellen Seite jetzt vielleicht nicht ganz so klug.

Bei Greysexualität kommen wir an einem Artikel über Depression raus. Das nährt den Verdacht, dass es schlecht abschrieben/adaptiert wurde, aber wenigstens hat der Artikel  eine Quellenangabe.

Dennoch ist es so absurd, dass ich nicht umhin kam, diese Kopie davon bei der Wayback-Machine zu speichern. (Das geht. Wenn Sie seltsame Sachen im Netz finden, können Sie diese zu Beweiszwecken dort speichern lassen, falls es noch nicht getan wurde.)

Der Text über Aromantik ist ohne Quellenangabe beim Asex-Wiki kopiert.

Also, da hat offenbar jemand etwas sehr schnell aus dem Boden gestampft. Und mit Urheberrecht haben die es auch nicht so, aber ehh. Was ist schon ein ordentliches Zitat?

 

 

Homeoffice/Frühings-Feierdäg/Links

carmilla dewinters arbeitsumfeld

Vor mehr als zwei Jahren für dead soft ein Schreibtischbild gemacht. Der Schreibtisch ist derzeit weniger aufgeräumt und der Computer hat mehr und teilweise andere Aufkleber.

Die Apotheken-Schicht, welche in Quarantäne war, ist zurück, weshalb ich für den Zweitarbeitgeber letzte Woche im Home-Office war und nur am Samstag ranmusste/durfte. Die Corona-Krise hat nun ihren Weg in eine Bildunterschrift zum Thema Grundgesetz gefunden.

Witzigerweise führte diese Sorte Beschäftigung zu einer kleinen Blogpause, wie ich sie öfter habe. (Und wieder haben werde.)

Jetzt ist Ostern. Der Zweitarbeitgeber verteilte zum Karfreitag ein schönes altes Musikstück, das eins auch zum Niederknien schön finden kann, wenn eins es nicht so mit dem Christentum hat.

Ich wünsche denjenigen, die es eher mit dem Christentum haben, einen frohen zweiten Feiertag und dem Rest einfach nur einen schönen Feiertag.

Außerdem gefunden:

AUREA hat einen Aro-Zensus. (Witzigerweise bin ich ja auf dem aromantischen Spektrum, aber das ist eher so eine Spezifizier-Beschreibung für mich, keine echte Identität, deswegen beobachte ich diese Community-Formierung gerade mit Staunen und Neugier.)

Der Zaunfink pfiff zwei Listen mit queeren Angeboten, die nicht nur in der Krise beraten, sondern auch Geld brauchen könnten: bei queer.de und dem LSVD.

 

 

 

 

 

Privileg/Dankbarkeit/Feiertage

 

Osterrieder-Krippe Herxheim

Blondes Jesulein aus der Osterrieder-Krippe Herxheim. Manche finden das selbstverständlich, andere haben vielleicht schon gemerkt, dass Jesus wahrscheinlich so aussah wie der syrische Geflüchtete, um den eins in der Fußgängerzone einen Bogen macht.

 

Über zwei Ecken ist der Focus Nummer 48 auf mich gekommen. Darin ist ein Kommentar von Jan Fleischhauer, der zwei Wochen später auch online erschienen ist. Der Text heißt: „Die Minderheit als Leitkultur“ und nimmt die vermehrten Lautäußerungen von Minderheiten in der Öffentlichkeit aufs Korn.

„Über Jahrhunderte strebten die Menschen danach, als normal zu gelten“, schreibt er. (Woher wissen wir das? Auf uns gekommen sind doch vor allem Berichte von Menschen, die eben nicht Durchschnitt waren.)

„Kaum etwas gilt mittlerweile als so stigmatisierend wie die Zugehörigkeit zur Mehrheit.“ (Aha. Also, ich bin weiß, trage in der Öffentlichkeit saubere, nicht ethnisch konnotierte Kleidung und wurde noch nicht spontan nach Drogen oder am Zoll gefilzt.  Die Verkäufer*innen in Geschäften sind meistens höflich zu mir und nehmen nicht an, dass sie einfache Worte verwenden müssen.)

„Wer Durchschnitt ist, also weiß, etwas älter und ohne Vorfahren, die aus fremden Ländern nach Deutschland gekommen sind, sitzt schnell auf der Anklagebank. Es heißt dann, man sei ‚privilegiert‘. Als ‚privilegiert‘ gilt im Prinzip jeder, der nicht mindestens ein Minderheitsmerkmal geltend machen kann.“

Ja, auch ich spreche manchmal von „alten weißen Männern“. Es gibt darunter ein paar, die ich echt nett finde. Auch wenn sie manchmal rassistische Begriffe benutzen, weil sie das Anno Tuck halt so gelernt haben.

Ich habe mir ja selbst in einem Prozess mühevoller und freiwillig geleisteter Arbeit Wörter wie „Indianer“ aberzogen und bin bei dem Prozess gewiss noch nicht am Ende angelangt.

Also, ja, alte weiße Männer sitzen manchmal auf der Anklagebank. Vor allem, wenn (junge) Frauen und anderweitige nicht männliche Personen, manchmal mit migrantischem Hintergrund, über sie sprechen.

Warum? Weil selbige Personen oft alten weißen Männern zuhören müssen/mussten, selbige aber oft nicht einsehen, warum sie es umgekehrt tun sollten. Oder halt, wie Jan Fleischhauer, es befremdlich finden, wenn solche Menschen anfangen, sich so bemerkbar zu machen, dass man sie nicht überhören kann.

Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, schon immer, und in Zeiten von Social Media noch mehr. Wenn mehr Menschen aus Minderheiten in der Öffentlichkeit sprechen/schreiben, hören/lesen weniger Menschen Kommentare wie Jan Fleischhauers. Einfaches Rechenexempel.

Und wenn man gewohnt ist, dass andere einem immer zuhören. Tja … dann könnte sich eine gewisse Angst einstellen, irgendwann nicht mehr so wichtig zu sein bei der Meinungsbildung.

Aber egal. Der Witz ist ja, dass „Privileg“ an sich nichts Schlimmes ist. Sofern man weiß, wie der Begriff verwendet wird, wenn die Emotionen grade nicht hochkochen.

Ich habe den Text hier in meiner selbst gemieteten Wohnung geschrieben. In der Tiefgarage steht ein Auto, das zu kaufen mich nicht in Schulden gestürzt hat, und wenn ich morgen meinen Computer und den Kühlschrank ersetzen muss, kann ich trotzdem nächstes Jahr in Urlaub.

Ich bin nicht reich genug, um eine Villa zu kaufen oder mir einen neuen Porsche in die Garage zu stellen, aber arm ist was anderes.

Mit meinen Sprachkenntnissen komme ich in dem Land, in dem ich wohne, sehr gut durch. Ich kann mich die meiste Zeit kleiden, wie ich will, denn ich mache für den Brotberuf eine sinnvolle Ausnahme. Ich muss keinen Mann fragen, ob ich eigenes Geld verdienen gehen darf, ich darf in der Öffentlichkeit Auto fahren und mich mit fremden Männern allein in einem Raum aufhalten, ohne dass die Ehre meiner Familie auf dem Spiel steht.

Ich könnte morgen sterben und zufrieden mit dem sein, was ich bislang geleistet habe.

Das ist ein Haufen Zeugs, der nicht selbstverständlich ist.

Und, um den Schreibkollegen Alpha O’Droma zu paraphrasieren: Für manche Leute ist nicht mal eine Matratze in einem Gruppenschlafraum selbstverständlich.

Was ich nicht kann: Mich in der Öffentlichkeit über A_sexualität äußern oder mich als ace outen, ohne dass ein Kommentar unter dem Online-Magazin-Text mich einer psychischen Störung verdächtigt. Ich muss Geschichten, die Menschen meiner sexuellen und romantischen Orientierung abbilden, mit der Lupe suchen. (Lassen wir das.)

Worauf will ich raus?

„Privileg“ als Begriff will, dass ein Mensch das hinterfragt, was selbstverständlich erscheint.

Beispielsweise … Trans Personen in leitenden Positionen sind die Ausnahme, die meisten krauchen am unteren Ende der Einkommensleiter rum. Das kann kaum daran liegen, dass alle trans Menschen doof sind, sondern könnte auch damit zu tun haben, dass Cheffitäten sich scheuen, Leute, die ungewohnt aussehen, in Berufe mit hohem Prestige einzustellen.

Manchmal hat das System halt doch seine Haken, auch wenn Jan Fleischhauer das nicht wahrhaben will. („Das ist für mich Teil der Emanzipation: Wer sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft empfindet, wird den Grund für Rückschläge in (…) sehen, aber jedenfalls nicht in der Vorurteilsstruktur des Systems, das ihn nicht hochkommen ließ.“)

Man muss nämlich erst so weit kommen, dass „die Gesellschaft“ alle darin lebenden Personen als ihren selbstverständlichen Teil anerkennt. Die Gesellschaft ist mit ca. 80 Millionen Menschen leider sehr zahlreich, mit mindestens ebenso vielen Meinungen, und nicht grundsätzlich über Denkfehler wie den Ingroup-Outgroup-Bias aufgeklärt.

Das heißt nicht, dass eins sich schuldig fühlen muss dafür, wohlhabende Eltern zu haben und/oder nicht in einem Bürgerkriegsland zu leben etc. Es geht nicht darum, irgendwem „mit Privilegien“ zu verbieten, sich in der Öffentlichkeit zu äußern oder diese Personen an einer Karriere zu hindern.

Aber es ist ein Grund, mal die Rangunterschiede in dieser Gesellschaft zu betrachten und sich zu fragen, was davon echte Meritokratie ist (also die Herrschaft aus eigenem Verdienst) und wo manche einen Vorteil hatten. Und zu fragen, ob es sich nicht lohnt, die eigenen Vorbehalte zu checken und echt blind nach Leistung zu entscheiden und nicht danach, ob man den Namen auf der Bewerbung aussprechen kann (etc.). Es geht darum zu schauen, wer warum Macht hat und wie diese Menschen damit umgehen.

Es geht also um die Forderung, möglichst vielen Menschen faire Ausgangsbedingungen zu bieten. Was die Menschen dann damit machen, das kann ich nicht sagen, aber gegenwärtig sieht’s halt schon innerhalb Deutschlands mit fairen Ausgangsbedingungen schlecht aus.

In ein paar Tagen (oder Wochen, je nach Kirche) feiert die Christenheit die Geburt ihres Erlösers. In einem Stall geboren, Mutter nicht verheiratet, etc. pp. Wir kennen die Geschichte. Die Predigten sind voll davon, dass das eine Lektion sei, Nächstenliebe walten zu lassen und dankbar zu sein und derlei.

Selbst wenn man nicht an das mit dem Messiastum und der Jungfrauengeburt und so weiter glaubt: Diese so oft erzählte Geschichte wäre ein guter Anlass, mal die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

In diesem Sinne wünsche ich frohe Feiertage.

Bild: F. Weisbarth / S. Rieder [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D

Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

„The Discourse“ auf tumblr, das ist eine anhaltende Diskussion zwischen Menschen aus dem asexuellen Spektrum und Menschen aus dem klassischen SchwuLesBi-schen Bereich, wo es darum geht, ob Aces echt „queer“ sind, wer „queer“ verwenden darf und ob irgendwelche Wortschöpfungen irgen20180708_114448dwen diskriminieren. Menschen reiben sich daran auf.

Das Internet ist meines Erachtens ein Verstärker für sämtliche Eigenschaften, gute wie schlechte, und hier verstärkt tumblr die Neigung, Linien im Sand zu ziehen und Wir-Die-Dynamiken aufzumachen.

Außerhalb von tumblr ist die Welt anders. Bei WordPress ist die Welt anders, und offline sieht die Welt noch einmal anders aus.

Neugierige Menschen aus der queeren Community fragen Vorträge an. (Und zwar so viele, dass AktivistA nicht alle Wünsche erfüllen kann.) Sie buhen mich nicht aus, wenn sie mir auf einem Szene-Vernetzungstreffen begegnen und lassen sich Infomaterial mitgeben. Menschen bei der AIDS-Hilfe freuen sich über Flyer. Mehr als ein Vorfall von „Unterdrückungs-Olympiade“ von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte, ist mir seit 2012 nicht untergekommen. (Die Infostände sind außen vor, da treffe ich nicht nur Aktivist:innen.)

Das führt zu einer Art kognitiven Dissonanz zwischen denen, die da draußen mit potentiellen Verbündeten reden, und denen, die sich hauptsächlich im Internet aufhalten. Sie leben in komplett anderen Welten. Wir reden manchmal über völlig andere Dinge und haben eine völlig andere Meinung darüber, wo wir willkommen sind.

(Und manchmal, tja. Da überlege ich mir Folgendes: Ich habe keine Zeit, mich im Netz mit ignoranten Menschen zu streiten, ich muss nämlich Blogposts verteilen und Veranstaltungen vorbereiten und Mails wegen Vorträgen schreiben und so. Neben dem anderen Kram, den das Leben halt so erfordert, wie essen, schlafen und Geld verdienen. Der Schluss, dass es den netten Aktivist*innen häufig ähnlich geht, liegt nahe. So Leute haben einfach keine Zeit, ihren Hass über anderen auszukippen, und sind dafür auch viel zu menschenfreundlich. Was Internettrolle zu einer Truppe macht, die ich tatsächlich vor allem bemitleide.)

 

Gender kon-formen

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In der letzten Zeit habe ich einige Arbeiten aus den Sozialwissenschaften gelesen. Diese erwähnen immer wieder, dass Kinder, die nicht zu den sozialen Normen des ihnen zugewiesenen Geschlechts passen, von ihrem gesamten Umfeld Druck bekommen, sich anzupassen: „Da ist die Schublade, zwäng dich rein oder ertrage die Konsequenzen.“

Entweder sie können/tun es, verbiegen sich und werden wahrscheinlich unglücklich, oder sie können/tun es nicht, bekommen mehr Druck und werden wahrscheinlich unglücklich.

Heiter scheitern tun wohl die wenigsten, auch wenn es sich in manchen Fällen wohl lohnen würde. (Wenn man nicht dafür umgebracht wird oder ins Gefängnis muss oder enterbt wird oder …)

Und wie das so ist, wenn eins über solche Informationen stolpert: Ich frage mich, inwieweit ich ermutigt wurde, mein Geschlecht/Gender zu performen, und ob ich jemals getadelt wurde, weil ich es nicht tat.

Verkompliziert wird es durch folgende Dinge: Ich bin introvertiert und bin dank einer Mischung aus Erziehung und Genen eher pflichtbewusst. Konflikte zu vermeiden oder sie passiv-aggressiv auszutragen ist meine Art des Energiesparens. Ich werde eher selten laut, ich schalte dafür auf Durchzug.

Obwohl meine Frau Mama eine ist, die sich viel darum Gedanken macht, was die Nachbarn sagen könnten und ob unerwarteter Besuch die Bude unordentlich findet, hat sie mir trotzdem nicht das Gefühl vermittelt, dass ich mit Puppen spielen muss oder dass ich die Puppenküche öfter benutzen sollte als den Kaufladen. Über meine ausgeprägte, mädchenklischeehafte Pferde-Faszination verdrehte sie die Augen. Sie drängte mich auch nur in einer Handvoll Fälle, mich mädchenhaft zu kleiden, wenn ich nicht wollte. Als Resultat verbrachte ich mein elftes bis vierzehntes Lebensjahr vor allem in unförmigen Pullis und T-Shirts. (Ich mein, Mädchensein in dieser Gesellschaft ist oft kacke, und noch beschissener, wenn das Gehirn bei der Information, dass der Körper dazu begehrenswert ist, nur „iiiihp, Error, 404“ macht.)

Klamottentechnisch habe ich seitdem einiges ausprobiert, und wenn es neben „Jeans und T-Shirt mit oder ohne Kapuzenjacke“ einen DeWinter-Style gibt, dann ist er entweder übertrieben feminin („femme„) oder ein mehr oder wenig gezielter Mix aus maskulin und feminin kodierter Kleidung. Außerdem kann es sein, dass ich zu einem Essen oder Kulturtermin aus rein wetterbedingter Verzweifung mit Anzug und Krawatte auftauche. Ich bin eitel, aber nicht auf eine Art, die Komplimente fürs Hübschsein einfahren will. Das irritiert manche Leute. Denen merkt man an, dass sie nicht wissen, was sie dazu sagen sollen, und statt dass sie gar nichts sagen, äußern sie lieber einen gestelzten Kommentar.

Jedenfalls habe ich als Kind hauptsächlich Kritik geerntet, weil ich „zu leise“/zurückgezogen oder „zu dick“ war. (Beide Statements habe ich mir zu sehr zu Herzen genommen.)

Mittlerweile bin ich eindeutig immer noch introvertiert und zur Not passiv-aggressiv, aber nicht mehr schüchtern.

Außerdem erntete ich (und ernte immer noch) Reaktionen, wenn meine Neigung zum Sarkasmus und trockenem Humor oder mein Bedürfnis nach Abstand oder meine Meinungsstärke oder mein Hang zum Besserwissen das Liebsein schlägt.

Ja, ich trete manchmal einen Schritt zurück, wenn andere Leute mir ihren Mundgeruch ins Gesicht hauchen. Auch wenn es sich dabei um Kundschaft oder um Autoritätspersonen handelt.

Meine Mimik entgleist manchmal, wenn jemand etwas sagt, das ich sehr seltsam finde oder über menschliches Verhalten stolpere, das mich wundert. (Sollte es nicht, ich weiß, weil: Menschen. Viele davon essen Spaghetti mit Ketchup und gehen automatisch davon aus, dass ich mein Bett mit einem Typen teilen möchte und so.)

Wenn eine andere angestellte Person Kritik an den Cheffitäten übt, sollte ich wohl eher beschwichtigen, als nur trocken „Ja“ zu sagen. Gelegentlich überrasche ich mich selbst und bin sogar halbwegs schlagfertig.

Ich bin in der Lage, Kritik sachlich zu äußern. Angelegentlich tue ich es auch. Manche Menschen irritiert es, wenn ich ihre Meinungen nicht unwidersprochen stehenlasse.

Wenn ich mich recht entsinne, meinte eine Bekannte, dass das ein gelegentlich etwas ruppiger Auftritt ist.

Seh ich so brav aus, dass sie andere das auf den ersten Blick nicht von mir vermuten? Oder nicht vermuten, dass ich das mehr als einmal tue und es mehr als einmal kommentieren? Anscheinend.

Und manchmal frage ich mich, ob die auf mich auch so verständnislos reagieren würden, wenn ich ein Mann wäre.