Plot und Konflikt: Die Vorher-Nachher-Schau

Wie schon vor zwei Jahren wollte ich diejenigen, die es interessiert, an einem Teil meines Überarbeitungsprozesses teilhaben lassen. Diesmal beweise ich anhand eines Auszugs aus Albenerbe – Das Blut von Königen, was ein paar gezielte Ergänzungen und Streichungen alles können.

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Lernen aus Lesungen

Ich habe ja nun schon des öfteren vorgelesen, zuletzt bei einem Event, das nicht nur kostenlos war, sondern wo auch das Publikum nicht unbedingt kam, um mich persönlich zu hören.

Rückschlüsse:

  1. Derartiges Laufpublikum ist besser mit Kurzgeschichten bei der Stange zu halten. Zweite Wahl sind Romananfänge. Romanausschnitte sollten tunlichst unterlassen werden.
  2. Laufpublikum hat’s nicht mit High-Fantasy-Welten.
  3. Laufpublikum will sich unterhalten können und erträgt maximal zwei mal 15 Minuten Leseblöcke, selbst wenn zwischendrin Musik kommt.
  4. Heißt, nach 30 Minuten verschwindet die Hälfte, auch wenn danach noch zwei Leute vorlesen.
  5. Tragisch ist es dann, wenn’s nicht mal die eigenen Literaturvereinsmitglieder schaffen, die zweite halbe Stunde auszuhalten.
  6. Zu lange Pausen zwischen den Leseblöcken sind aber auch nichts, weil sich die Leute so lange auch wieder nicht gedulden.
  7. Zuhören ist eine Kunst.

A_sexuelles Erzählen oder: Philosophie gegen Neurowissenschaft

oder: „Making Something out of Nothing“ gegen mein gesammeltes Wissen aus „Wired for Story“ und als eine, die Romane lieber schreibt statt analysiert.

 

Andrea Mantegna 017

Im Gegensatz zu St. Lukas bin ich keine Heilige und kann auch nicht mit einer Feder schreiben

Ich las also die verlinkte Dissertation, die behauptet, dass Asexualität als „Nicht-Erfahrung sexueller Anziehung“ und die klassische Form des Erzählens diametrale Gegensätze seien.

Ich versuche mal, die Argumente nachzuvollziehen.

1) Geschichten sind gerichtete Bewegungen

Dem will ich nicht widersprechen. Seit Aristoteles wissen wir: die Menschheit bevorzugt Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ohne selbiges Ende stünden ja der Anfang und die Mitte einfach so im Raum herum, und, noch schlimmer, die Leute hätten sich emotional für etwas engagiert, das zu keinem Abschluss kommt, ihnen also Zeit und Aufwand gestohlen hat, die sie besser für etwas anderes eingesetzt hätten.

Sich emotional für eine Story zu engagieren, macht ja gerade den Reiz an der Sache aus. Im Grunde ist dieses Mitfühlen und Miterleben für das menschliche Hirn eine Probe für den Ernstfall – Was tun bei einer Zombieapokalypse? Wie überstehe ich eine Entführung oder ein Familientreffen mit Leiche?

Deswegen mögen die meisten Leute gerne Geschichten.

2) Asexualität ist nicht zielgerichtet

Zumindest, was die sexuelle Anziehung angeht, so ominös das Konzept auch manchen erscheinen mag, zeigen Asexuelle in keine Richtung.

Manchen Leuten fällt es schwer zu begreifen, dass Leute, die keinen Sex wollen oder keine Menschen begehren, trotzdem andere Dinge wollen können, und dabei 100% nachvollziehbare Motive haben.

Weil a_sexuelle Menschen ja „no fun“ sind, bestreitet Stephen Moffat, dass Sherlock aus der BBC-Serie ace ist.

Jedenfalls: Manche Leute finden a_sexuelle Menschen undurchsichtig oder langweilig – dabei entsteht nur die Hälfte der Spannung „Sex & Crime“ durch Sex ;)

3) Romane dienen der Enthüllung, und A_sexuelle haben nichts zu enthüllen

Mein Vorstoß in diese Richtung wurde letzte Woche von gleich zwei Menschen elegant außer Kraft gesetzt, daher: Es gibt einen Haufen Dinge über Menschen und die Gesellschaft zu enthüllen, und nicht alle haben mit Sex zu tun, vielen Dank.

4) Geschichten sind erotonormativ und stehen daher im Widerspruch zu Asexualität

Jetzt wird es wild. Also, Geschichten haben ein Ende, es sei denn, es handelt sich um eine seit zehn Jahren laufende Seifenoper oder gewisse Fanfictions, die genauso funktionieren und schon fünf Millionen Wörter in 768 Kapiteln haben.

Weil dieses Ende also ein unvermeidliches Ziel des Erzählens ist und zumeist dazu dient, die Zuhörer*innen bzw. Leser*innen befriedigt zurückzulassen, können wir es mit gutem Hetero-Sex vergleichen, und weil es danach nicht weitergeht, also mit dessen „natürlichen“ Ende, dem männlichen Orgasmus. Daher der Begriff „erotonormativ“, analog „heteronormativ“.

Gesetzt den Fall, der Vergleich ist legitim und das klassische Geschichtenerzählen tatsächlich ein Fall von patriarchaler Struktur, dann wirkt A_sexualität quasi wie ein fehlendes Rädchen im Getriebe: Wo keine Richtung, da keine natürlich fließende Story zu einem natürlichen Ende.

A_sexualität könnte also eventuell dazu dienen, die Erwartungen an eine solcherart patriarchale Erzählweise zu queeren, aber wie?

5) Die Autorin unterließ es aus Protest gegen die Erotonormativität, eine Schlussfolgerung zu schreiben.

6) Eigenes Fazit

Durchaus eine interessante Theorie. Allerdings, aus Sicht der Handwerkerin: Die Leute hören nicht gern zu bzw. sind verärgert, wenn sie wissen bzw. merken, dass alle Spannung keine Lösung hat, und sie hören überhaupt nicht zu, wenn sie nicht wissen wollen, wie es weitergeht.

So viel zu weiteren Gemeinsamkeiten mit Sex. Im Gegensatz zu Sex ist die Spannung in Stories aber immer künstlich erzeugt, genau wie der Anfang und das Ende der Story. Die Kunst der Erzählens liegt auch darin, die Leute vergessen zu lassen, dass sie einem Kunstprodukt zum Opfer gefallen sind. James N. Frey spricht hier von fiktionalen Träumen, die Schreibende und Lesende gemeinsam erzeugen.

Nur, weil das nachher organisch wirkt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anfang und das Ende im Idealfall sehr willkürlich gewählt sind, und zwar, um die beste Story zu erzählen, die sich aus einem gewissen Material erschaffen lässt.

Keine Story hat ein „natürliches“ Ende – höchstens eines, das sich natürlich anfühlt.

Anstatt also die Leute mit Werken zu quälen, die sie sowieso nicht lesen würden, schreibe ich dann also doch lieber Stories mit einem Ende. Das heißt aber nicht, dass ich dabei die (heteronormativen) Erwartungen des Publikums nicht queeren kann.

Nicht alle Paare müssen heiraten oder in den Sonnenuntergang reiten oder mit Kindern glücklich sein, es muss nicht mal ein Paar sein, und Sex? Sex muss in der Beziehungsfindung auch keine Rolle spielen, sofern ich nicht alles auf dem Kopf stelle und das glückliche Ungebundensein oder eine erfolgreiche Entliebung zum Ende erhebe.

#HydraCap oder: Enthüllungen

Das Marvel-Fandom ist ein wenig in Aufruhr, da sich in der neuesten Auflage des Captain America-Comics Steve Rogers als ein Hydra-Anhänger entpuppt. Damit gehört er also zu jenen bösen Nazis, die er ursprünglich bekämpft hat. (Alle Informationen aus zweiter Hand, denn ich lese keine Comics.)

Aus diesem PR-Disaster lässt sich etwas lernen für’s eigene Schreiben.

Wenn ich so lausche, sind die viele Fans enttäuscht bzw. extrem verärgert, weil Steve Rogers als irischer Einwanderer von zwei jüdischen Künstlern entworfen wurde, und damals irische Einwanderer in den USA als Ethnie wenig besser als Kakerlaken angesehen wurden. Der blonde, blauäugige Hüne, der da seine Probleme mit der Befehlskette hat, lief somit als ein metaphorischer ausgestreckter Mittelfinger an alles Nazi-Übermenschentum.

Es wird mitunter dazu aufgerufen, die weitere Comicserie zu boykottieren, und ehrlich, ich kann das verstehen. Aber nicht, weil das ein Verrat an der Figur ist, sondern weil es sich dabei höchstwahrscheinlich um mieses Geschichtenerzählen handelt. Zwar behauptet einer der zuständigen Redakteure, dass das seit zwei Jahren in Planung war, aber offensichtlich haperte es mit den Hinweisen bis dorthin so, dass die Wendung selbst treue Leser*innen aus dem toten Winkel überrollt hat. Die beste Intention, Amerikas Chauvinismus einen Spiegel vorzuhalten, nützt dann auch nichts mehr.

Stellen wir uns das in Romanform vor: Ein Epos von 1000 Seiten. Auf Seite 500 entpuppt sich die überaus liebenswerte Hauptfigur als Agentin des Erzschurken (TM). Keiner wusste davon, es ist eine absolute Überraschung, vor allem für die Leser*innen.

Die Leser*innen sind enttäuscht und verärgert, es hagelt miese Kritiken, die Autorin ist entsetzt, dass keine*r ihre Große Enthüllung zu schätzen weiß. Falls ein Verlag das Werk unter Vertrag hat, ist er selbst schuld, denn das Lektorat hat gepennt.

Warum?

Als Autorin weiß ich von Seite 1 an, dass meine Hauptfigur für den Gegner arbeitet, also muss alles, was sie tut, egal wie tief Undercover sie ist, von diesem Wissen beeinflusst sein. Die Hauptfigur wartet vielleicht auf ein Signal des Erzschurken (TM) oder versucht, an eine gewisse Information zu gelangen. Sie wird darüber nachdenken. Tatsächlich wird sie einen Großteil ihrer Denkkapazität darauf verwenden, nicht enttarnt zu werden. Eventuell plagen sie Gewissensbisse etc.

Wenn ich aus Sicht der Figur erzähle, egal ob in der ersten, zweiten oder dritten Person, und keinen einzigen Hinweis auf den bevorstehenden Verrat gebe, sind die ersten 500 Seiten des Romans absolut unglaubwürdig und bar jeder Bedeutung für den Rest der Story.

(Ähnlich rechnet hier Alena Coletta einen Plot-Twist in „Magisterium“ durch, nur, dass dort nur 39 Seiten verschwendet wurden.)

Im Fall einer absoluten Überraschung verfehlt die Figur außerdem den „Würde X wirklich …?“-Test, den James N. Frey empfiehlt, um die Handlungen von Figuren zu hinterfragen, und den auch Leser*innen unbewusst auf alles anwenden, was in einer Geschichte passiert.

Di*er Autor*in hat ihr Publikum demnach so sehr verarscht, dass es sich weigert, ihr/ihm die Entwicklung abzukaufen – so etwas sollte ich nur tun, wenn ich das Publikum verarschen möchte und es mir völlig egal ist, dass hinterher keiner mehr etwas von mir lesen will.

Als Autor*in lebe ich nämlich davon, dass die Leute mir glauben, also sich auf den fiktionalen Traum einlassen und mit den Figuren mitleiden. Dazu muss ich ihnen versprechen, dass alles, was ich geschrieben habe, eine Bedeutung hat, und dass ich die Zeit meiner Leser*innen nicht verschwende. „Unglaubwürdig“ ist das Todesurteil jeder Geschichte.

Außerdem verschenke ich massenweise Spannung. All die inneren Konflikte, all die äußeren Konflikte, von denen nur die Hauptfigur ahnt? Wieso sollte ich dieses Potential für 500 Seiten bedeutungsloses Geplänkel unterschlagen?

Aber, mag wer einwerfen, was ist mit unzuverlässigen Erzählstimmen?

So etwas gibt es, ja. Aber: Die funktionieren auch nur, wenn ich sie als solche markiere. Meine Fiammetta in Albensilber ist beispielsweise dank ihrer Jugend eine unzuverlässige Erzählerin. Andere Beispiele wären eine Person mit Lernbehinderung oder eine, die sehr eindeutige Meinungen zu gewissen Bevölkerungsgruppen hat. Outet sich meine Hauptfigur innerhalb der ersten Seite durch einen Kommentar als homophob, können wir davon ausgehen, dass sie nicht ehrlich ist, wenn es um Schwule geht.

Fazit:

Große Enthüllungen müssen gut vorbereitet sein – das Publikum muss eine faire Chance haben, sich die Hinweise wenigstens im Nachhinein zusammenzusuchen, selbst wenn sie quasi nebenbei eingestreut sind und völlig bedeutungslos erscheinen.

Andernfalls ist es das gute Recht des Publikums, dem/der Autor*in mangelnde Erzählkunst vorzuwerfen, denn diese*r hat eine gute Geschichte einem „Ällabätsch, guckt mal, wie clever ich bin“-Moment geopfert.

Und sagen wir mal so: In einem riesigen Fandom wie Captain America ist das jetzt keine allzu brilliante Idee.

Die Mär vom unpolitischen Schreiben

Hypermnestre écrivant BnF Français 874 fol. 175v

 

Via #schreibengegenrechts, geriet ich an eine Handvoll Blogposts von anderen Schreibenden. Also von solchen Menschen, die außer Blogposts noch andere Texte verfassen, ob fiktionale Prosa oder Poesie.

Zwei merkenswerte, die diesen Artikel mitverursacht haben, möchte ich hier verlinken, nämlich Matthias Engels darüber, wie mit der derzeitigen Lage umzugehen sei, und davon ausgehend Wolfgang Schnier über Freiheit.

Jedenfalls hielten einige dieser Autor*innen ihr Schreiben bis dato für unpolitisch.

Ja.

Ehrlich.

Ich finde das eine recht befremdliche Aussage von Menschen, die Geschichten erzählen, die nachher von anderen gelesen werden sollen.

Aber, werden manche einwenden, ich habe noch nie mit einem Gedicht gegen den Kapitalismus gewettert, oder noch nie einen Blogpost zum Klimawandel geschrieben, und noch nie in einer Geschichte eine politische Partei erwähnt.

Mag sein. Ich habe bis Mitte 2011 auch nicht politisch gebloggt. Trotzdem habe ich mir nur im Teeniealter den Luxus geleistet, zu glauben, meine Fiktion sei unpolitisch.

Irgendwann habe ich nämlich Folgendes begriffen, noch bevor Lisa Cron mit ihrem Schreibratgeber daherkam: Menschen leiten aus Geschichten Aussagen über die Natur des Menschen und der Welt her.

Stories erzielen einen Lerneffekt durch Mitleiden. Deswegen stehen die meisten von uns so auf Fiktion.

Schreibe ich zum Beispiel über Echte Kerle (TM), die den Tag retten, während ihre Treuen Frauen (TM) daheim auf sie warten, ist das eine politische Aussage. Sie bedeutet, dass ich nur Echten Kerlen (TM) zutraue, den Tag zu retten, und dass ich von deren Frauen erwarte, treu daheim zu bleiben und den Haushalt zu erledigen.

Eine einzelne solche Story mag ja nicht viel Gewicht haben, aber irgendwie … sind sie überall. Seit Jahrtausenden.

Logischerweise leitet sich dank reiner Masse das Publikum die Aussage her, dass Frauen und solche, die dafür gehalten werden, nicht so wichtig sind wie Männer und solche, die dafür gehalten werden.

Doch politische Aussagen finden auch subtilere Wege:

Hat das zerstrittene, gut situierte Ehepaar 50+ in meinem Gesellschaftsroman eine Reinigungskraft? Wie heißt die? Verdient sie in der Story überhaupt einen Namen? Woher kommt sie? Wieso geht sie putzen, obwohl sie mal in Irkutsk Kinderkrankenpflegerin war? Ist sie angemeldet?

Wieso erzähle ich überhaupt von einem zerstrittenen deutschen Ehepaar 50+ statt über Inna, die kürzlich ihren Mann verlassen hat und außerdem nicht weiß, wie sie ihrer begabten Tochter weiter den Gesangsunterricht finanzieren soll?

Schon mit der Wahl, über ein gut situiertes Ehepaar zu schreiben statt über eine Reinigungskraft, bewerte ich die Verhältnisse in diesem Staat. Reich = wichtig. Nicht sozialversicherte Putze = uninteressant.

Auch das ist eine politische Aussage. Und vielleicht ist sie gefährlicher als ein mies gereimter Protestsong, denn die Botschaft fällt ja nicht auf, sondern versteckt sich unter einem Haufen Ehedrama.

Selbiges funktioniert im übrigen auch mit Fantasy. Ist eigentlich schon mal wem aufgefallen, dass Harry Potter keine Fremdsprache in der Schule lernen muss, sich aber über die Aktzente der Schüler*innen aus Beauxbatons und Durmstrang lustig machen darf? (Aber wenigstens kommen die Hauselfen zu ihrem Recht …)

Insofern ist es durchaus angebracht, als Autor*in zu überlegen, welche Macht ich habe, und wie ich sie nutze.

A Writer’s Manifest

Poetin_von_Pompeji

Vor der ganzen Köln-bedingten Aufregung  kam via der Trippmadam  ein Link zu einer „Provokation“ daher, die Joanne Harris beim Manchester Literature Festival im Oktober zum Besten gab (English).

Ich schwanke so zwischen „recht hat sie“, wenn es um zu zahlende Rechnungen (TANSTAAFL°) geht, die meisten ihrer vierzehn Punkte unten im verlinkten Text und darüber, dass es nicht der Job einer Autorin ist, allen dauernd zu gefallen.

Ich will unterhalten, klar. Aber (mag sein, dass das jetzt sehr dünkelhaft klingt) am Ende sollten die Leser*innen gern noch einen Nachhall mitnehmen, oder eine Herausforderung zum Nachdenken, oder … Sagen wir, im Idealfall bringt mein Weltenbau die Leute dazu, ihr Weltbild ein wenig zu erweitern.

 

Und dann denke ich wieder: „Worüber beklagt die sich eigentlich?“

Als gerade-noch-so Digital Native ist mir das Meckern über Tags fremd: Schlagwörter zur Inhaltsbeschreibung finde ich eine gute Sache, um Texte zu finden, die mich interessieren, die z.B. aber gerade nicht auf der Amazon Bestenliste stehen, und „Content Warnings“/Triggerwarnungen können manchen Menschen sehr nützlich sein.

Heißt natürlich nicht, dass Autor*innen verpflichtet werden sollten, Tags und Warnungen zu benutzen. Keine Warnung ist auch eine Aussage: „Sie lesen auf eigene Gefahr.“ Und das ist so lange akzeptabel, wie die Leute nicht zum Lesen verpflichtet sind. (Insofern sollte Pflichtlektüre in der Schule und an der Uni wahrscheinlich anders behandelt werden.)

 

Wo mir dann endgültig die Augenbrauen in den Haaransatzt rutschen, ist aber, als sie Forderungen nach besserer Repräsentation von Minderheiten mit der Forderung nach Gratisexemplaren gleichsetzt. Das finde ich dann doch, mit Verlaub, ziemlich schräg.

 


 

° There ain’t no such thing as a free lunch. = Es gibt niemals ein wirklich kostenloses Mittagessen.

Bild: „Poetin von Pompeji“, Wikimedia Commons

Bürger*innenrechte: Theorie vs. Praxis

Ich hatte kürzlich zum Thema internalisierter Sexismus geschrieben.

In eine andere Richtung von Unterdrückung geht mein jetziger Post, nämlich Rassismus. (Dementsprechend die zitierte Sprache.)

Dennoch demonstriere ich hoffentlich, dass alle Theorie manchmal nicht so furchtbar viel nützt.

Meine Alphaleserin hatte mir „Ein Doppelleben im Kosmos“ von Robert A. Heinlein ausgeliehen. Original als „Double Star“ 1956 erschienen. (Ein Band von nur 200 Seiten, damit kommen heutige SciFi-Autor*innen selten durch.)

Worum geht’s in „Double Star“?

Ein erfolgloser Schauspieler wird überredet, den ehemaligen Ministerpäsidenten des Sonnensystems und Vorsitzenden der Expansionspartei zu mimen. Selbiger Bonforte ist auf dem Mars verschwunden, kurz vor einer Zeremonie, die für den Frieden im „Imperium“ von äußerster Wichtigkeit ist.

Der Expansionspartei geht es darum, den Weltraum firiedlich zu besiedeln und den fremden Zivilisationen mit Respekt zu begegnen. Im Gegensatz dazu steht die Menschheitspartei.

Okay, kapiert. Kolonial = böse. Wieso geht’s hier noch weiter?

Noah Sow definiert Rassismus in etwa: Rassismus ist der Glaube, dass es Menschenrassen gibt, oder ausführlicher: „der Glaube, dass Menschen aufgrund ihrer genetisch bedingten und als ethnisch interpretierbaren Merkmale bestimmte Prädispositionen (Veranlagungen) jedweder Art haben“. (Kursiv von der Autorin, zitiert aus „Deutschland Schwarz Weiß“, z.B. bei Amazon.)

Heißt, auch wenn wer bewundernd sagt: „Die Afrikaner*innen haben halt einfach den Rhythmus im Blut“? Dann ist das rassistisch.

Denn: Weiße Deutsche haben genausowenig angeborene Gründlichkeit wie Schwarze Menschen aus dem Senegal von Natur aus gut tanzen können. Beides ist ein Verhalten, und Verhalten wird häufiger gelernt als die meisten Leute glauben.

Soweit also zur Begriffsbestimmung.

Predigen ist einfach …

Jetzt lässt Heinlein seinen Bonforte folgende Worte sprechen:

„Aber, so hält mein Opponent dagegen, wir haben doch immerhin das gottgegebene Mandat, Licht in die dunkle Galaxis zu bringen und unsere eigene, ach so wertvolle Zivilisation zu den armen Wilden da draußen zu tragen. Diese Schule kennen wir zu genüge: der brave, kleine Schwarze, der singend seiner Arbeit nachgeht und dankbar an den Lippen des „guten Massa“ hängt, der ihm die Erleuchtung bringt! Es ist ein wunderschönes Bild, aber der Rahmen ist zu klein; er zeigt nicht mehr die Peitsche, den Sklavenblock – und den Sklavenmarkt!“

Wir dürfen davon ausgehen, dass Heinlein damit unter anderem die Bürgerrechtsbewegung der USA kommentierte – z. B. wurde Rosa Parks am 1. Dezember 1955 verhaftet, weil sie sich weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen. Zu diesem Zeitpunkt war auch Indien erst neun Jahre lang wieder ein eigener Staat, nach knapp zweihundert Jahren britischer Unterdrückung. Das Kolonialherrengebaren zumeist europäischer Staaten war daher den Leser*innen weitaus besser präsent als heute, wo es nur noch wenige Kolonien gibt, die aber mittlerweile anders heißen

Soweit die Theorie: „Double Star“ kann unter anderem als ein Unterfangen verstanden werden, für mehr Toleranz und gleiche Rechte zu werben.

… viel schwieriger ist es, Predigten umzusetzen.

In dem ganzen Text hat nur ein benamster Marsianer eine Sprechrolle, und er wird auf Seite 25 getötet. (Siehe auch das TV Trope: Black Dude Dies First – Der Schwarze Typ stirbt zuerst)

Wir sehen außerdem keine Wesen von Mars, Venus oder sonstwoher, die im „Imperium“, also in der Verwaltung des Sonnensystems, irgendeine Rolle spielen – nicht mal im Hintergrund beim Hofstaat oder irgendwo im Sekretariat oder am Empfang.

Heinlein erwähnt nur von einem einzigen Menschen die Hautfarbe: Selbiger „Jimmy Washington“ arbeite in Bonfortes Stab und wird als „Mulatte“ bezeichnet. Bei einer zweiten Person (Nachname Pateel) wird eine Herkunft aus Indien impliziert.

Insofern dürfen wir davon ausgehen, dass alle anderen namentlich erwähnten Menschen weiß sind.

Was lernen wir daraus?

Heinlein wusste, dass Schwarzen Menschen die gleichen Rechte zustehen wie allen anderen auch, obwohl er selbst von Kind an etwas anderes gelernt hatte. Die deutsche Wikipedia sagt, dass er für seinen Militarismus und seinen Hang zu autoritären Figuren kritisiert wird, aber nicht für seinen Rassismus, auf Englisch bekommen wir einen kleinen Aufsatz geliefert, wobei die Resultate nicht eindeutig scheinen. Offenbar hatte er mit Schwarzen Menschen weniger Probleme als mit Asiat*innen.

Warum er in „Double Star“ nicht die zur Predigt passenden Konsequenzen gezogen hat? Keine Ahnung.

Schlussfolgerung für Autor*innen:

Macht- und Denkstrukturen fressen sich so fest, dass sie nur mit äußerster Mühe und viel Rostentferner gelöst werden können.

Ob ich besser bin? Ich hoffe es, aber am Ende kann ich nur erst nachdenken, dann Schreiben, auf die Kritik warten, und dieser auch lauschen.

Von wegen unausweichlich, oder: Internalisierter Sexismus

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Wie logisch ist es eigentlich, dass eine Figur mit weiblichen Pronomen von sich sagt, sie sei froh, kein Mädchen zu sein? (Band 1, Seite 271 in der Printausgabe.)

Wieso nehmen sogar viele Frauen immer noch an, feminin/weiblich sei nicht so gut wie männlich? Schlechter bewertet mag etwas sein, aber macht das etwas an sich schlechter?

Wieso ist „kreischt wie ein Mädchen“ eine Beleidigung? Wieso verwenden Frauen*, die fiktionale Texte schreiben, derlei Vergleiche? Und wieso lassen wir uns das durchgehen?

Wie logisch ist es eigentlich, dass in einer Welt, in der Leute zaubern können, immer Männer an der Macht sind?

Wieso sollte eine Frau, die zaubern kann, sich von einem Mann, der es nicht kann, irgendetwas sagen lassen? Würde es in einer solchen Welt sexualisierte Gewalt geben, und wenn ja, wie sähe sie aus? Wer würde wem warum auf der Straße anzügliche Sprüche hinterherrufen?

Wieso sollte es in einer Welt, die eine Heilerzunft/-gilde/-weißichwas hat, nicht möglich sein, die Verwandtschaft von Personen festzustellen? Braucht es in einer solchen Welt Frauen, die unberührt in die Ehe gehen? Müsste überhaupt irgendwer in die Ehe gehen? Wie würde sich Prostitution in einer solchen Welt darstellen, und wäre „Hure“ eine Beleidigung?

Wie funktioniert Schwulenhass, wenn er nicht auf Frauenverachtung basiert? Kann eine solches Konstrukt dann überhaupt existieren?*

Fragen über Fragen.

Es ist bezeichnend, dass viele sich solche Fragen gar nicht stellen. Dass ich mich jahrelang als Feministin bezeichnet habe und trotzdem nicht auf die Idee kam, solche Fragen zu stellen. Dass ich 2009 eine fiktive Landkarte zeichnete und automatisch annahm, dass das alles Königreiche sind.

Manchmal finde ich es erschreckend, wie sehr wir alle in unseren Denkmustern gefangen sind. Sogar solche, die sich gern als freie Denker*innen gerieren.

*Das mit der Homophobie geht im Übrigen schon, aber ich musste erst recherchieren und dann nachdenken. Ergebnisse hoffentlich 2016 in Romanform.

Leerzeichen bei Verben

Ich stehe mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß.

Nicht, weil ich Probleme mit dem ß hätte oder „rau“ partout nicht ohne h schreiben möchte, sondern weil ich viel weniger schöne lange Wörter zur Verfügung habe, als ich gern hätte. Ehrlich, gefühlte achtzig Prozent der Anmerkungen meiner Lektorin bei Albenbrut machten sich über Konstruktionen her wie „hindurchblicken“, „sich hochmühen“ oder „hinterhersehen“.

Diese Wörter stehen nicht im Duden. ICH WEISS.

Meiner Meinung ist das aber kein Grund, sie nicht in ungetrennter Form zu verwenden.

Erstens sollten die meisten Personen, die der deutschen Sprache halbwegs mächtig sein, in der Lage sein, derartige Konstruktionen zu verstehen, da auch „Binnenschiffahrtskapitänskajüte“ eine im Deutschen völlig legitime Konstruktion darstellt, die ich bestimmt nicht im Duden finden kann.

Das ist eine andere Wortart, klar. Aber halten wir fest, dass das Deutsche den geschätzten Leser*innen einiges abverlangt in Hinsicht Wortlänge.

Zweitens gibt es die latente Möglichkeit, etwas misszuverstehen. „hinterher sehen“ heißt potentiell etwas anderes als „hinterhersehen“. Im ersten Fall kann ich „jemanden/etwas hinterher sehen“ oder „wir werden hinterher sehen, ob“ oder „jemandem hinterher sehen“. Aber im zweiten Fall geht nur „jemandem hinterhersehen“.

Drittens: Deutsch ist nicht Englisch, verflucht noch mal.

Schlimm genug, dass ich auf der Straße regelmäßig mit falschen Apostrophen konfrontiert werde, die von über dem großen Teich importiert sind. „Montag’s“. Aua. Aber die Verursacher*innen haben in der Regel wenigstens die plausible und verständliche Erklärung, dass sie nicht so gut Deutsch können. Außerdem kriegt deutsche Software es auch nicht hin, dieses C von jenem Ç zu unterscheiden, oder ein ‚ auf ein C zu setzen. Etc. Ganz zu schweigen davon, dass viel zu selten auch von Menschen mit Abi gefragt wird, wie sich ein Wort aus einer Fremdsprache ausspricht, und irgendein Murks fabriziert wird. Ich sage mal beispielhaft „Przkewalski“.

Das Leerzeichen bei Verben wurde hingegen nicht durch Personen verursacht, die wenig Deutsch können, sondern durch Menschen, denen ich unterstellen möchte, dass sie den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch kennen.

Das Englisch benutzt wenig Wortfügungen, aber das ist auch nicht schlimm, weil das Englische beim Sprechen die Wörter zusammenklebt. Dadurch ergibt sich ein anderer Sprachrhythmus als im Deutschen. Wenn ich aber im Deutschen „hinterher sehen“ lese, dann stolpere ich über die Aussprache, weil es zwei davon gibt – einmal mit Pause vor „sehen“, einmal ohne. Das ist ähnlich verwirrend, wie wenn ich WEG schreibe, weil mir dann der Hinweis fehlt, ob es „weg“ oder „Weg“ heißt.

Falls es irgendwem entgangen sein sollte, arbeitet fiktionales Erzählen gelegentlich mit Rhythmus. Es gibt einen Grund, warum ich meine erzählenden Texte vor Veröffentlichung laut lese, weil ich nur dadurch feststellen kann, ob das Ding zu gehetzt, zu getragen, zu langweilig, zu kompliziert etc. klingt. Das System ist noch nicht vollkommen perfektioniert, so wie ich auch keine perfekte Autorin bin, aber die Texte lesen sich hinterher trotzdem angenehmer als vorher.

Fazit

Die meisten Leser*innen sind durchaus in der Lage, ein Verb wie „hinunterrutschen“ als verständliches Wort zu identifizieren. Wieso zum Henker sollte ich also ein Leerzeichen machen, wenn es mir den Rhythmus verdirbt?

Teaser: Von der Vernunft, Liebe und Freiwilligkeiten

Manchmal finde ich es schon faszinierend, was mein Hirn so zusammenkocht. Da hatte ich derletzt selbiges Paper über konservative Manipulation online gestellt, und dann kam Kritik, dass wir „Rationalität“ zu unkritisch verwenden, und irgendwem gefällt das Wort „Pädophilie“ nicht.

Jedenfalls sollten jene, welche das Paper lesen, zu dem Schluss kommen, dass es mit der Rationalität beim Menschen nicht so weit her ist wie gemeinhin angenommen wird. Ehrlich. Wer ein gutes Sachbuch sucht, möge sich vertrauensvoll an Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“ wenden.

Trotz aller Hindernisse, die mein Hirn mir in den Weg legt, kann ich natürlich versuchen, sachlich zu bleiben …

Was die Pädophilie angeht, halte ich es für relativ wurst, wie das Phänomen heißt, solange die Definition sich nicht ändert. Wichtig ist doch, jenen – oder allen – Liebenden klar zu machen, dass ihre Liebe einen Scheiß wert ist, wenn sie eine Erwiderung per Erpressung, Drohungen und Gewalt einfordert.

Solche Gedankengänge schlagen sich dann gelegentlich auch in Romanen nieder. Das aktuelle Projekt hat derzeit keinen Arbeitstitel, der mir gefällt. Wir werden sehen. Zeitlich ist es ein Viertel Jahr nach Albenbrut angesiedelt, nachdem mich eine Person zu viel nach einer Fortsetzung fragte … F. ist schuld.

Insofern ein Teaser Trailer. Achtung, Rohfassung eines Tetxtes, der noch nicht mal seinen ersten Wendepunkt hat. Weiterlesen